Moderner Häuserkampf in Deutschland

Es begab sich, dass nach zwei Flaschen gut gekühltem Vinho Verde ein kleines schrumpeliges Männlein über meiner flammenden Pizza erschien, seinen Gehstock schwang und schnarrend mir entgegen schleuderte.

– Möchtest du etwas mal was großartiges erleben? Möchtest du eines der letzten Abenteuer der Menschheit Mitteleuropas kennen lernen? Willst du einen Kampf erleben, Mann gegen Mann? Frau gegen Frau? Mann gegen Frau?

– Hey, Mister Mann, für ein wenig Abwechselung in dieser Tristesse hätt‘ ich nichts einzuwenden.

– Dann nimm diesen Umschlag, öffne ihn und handle wie dir befohlen.

– Danke, Mister Mann.

Und mit einem Donnerschlag und einer Rauchwolke entschwand das kleine Männlein.



Ich rieb mir die Augen, ergriff mir den Korkenzieher und die dritte Flasche Vinho Verde, als mir der Umschlag neben meinem Weinglas auffiel.
Ich nahm ihn an mich, zog das Papier aus dem Umschlag, entfaltete es und las:

„ Hallo. Hier sind die Regeln. Du bist ab sofort in drei Monaten als Mieter meiner Wohnung von derselbigen freigesetzt und wirst dann der Möglichkeit enthoben sein, für sie sorgen zu müssen. Dafür biete ich dir ab sofort die wunderbare Möglichkeit im friedlichen Mitteleuropa in einem Häuserkampf einzutreten. Solltest du eine 5 Zimmer Wohnung für dich als Single finden, winkt dir als Hauptpreis dieselbe. Findest du geringer wertiges möge dich das Leben mit Tristesse erneut überschütten. “

Schön.
Wann kommt man schon in Friedenszeiten in den Genuss von Häuserkämpfen?

Mein Herz schlug mir bis zum Halse.

Ja, Wohnungssuche mit wenig Geld in den Taschen ist eines der letzten Herausforderungen unseres modernen computerisierten Zeitalters.

Am bekannten Treffpunkt der Innenstadt habe ich dann den Zeitungsverkäufer aufgelauert. Nur war ich nicht der einzige und auch erst recht nicht der erste. Ein Exemplar ergattert breitete ich mich paar Meter weiter auf dem Boden aus und studierte die Anzeigen. Mein Handy glühte und die Aktien meiner Telefongesellschaft stiegen unaufhaltsam.

Mein erster Termin ein Einfamilienhaus.

– Können Sie sich das überhaupt leisten?
Ich nicke.
– Wie alt sind sie?
– So knapp über Dreißig.
– Schau’n Sie, wir vermieten gerne an Familien ohne Kinder. Haben Sie Kinder?

Ich schüttle verneinend den Kopf.

– Keine Kinder? Will Ihre Ehefrau denn nicht?

Leise Ironie höre ich heraus. Erneut schüttle ich den Kopf.

– Ich bin nicht verheiratet.
– Ach so?

Und in seinen Gedanken lese ich unausgesprochen „Schwule Sau!“. Warum bin ich auch nicht verheiratet … ich Dämlack, ich …
Anstaltshalber führt man mich durch’s Haus und  preist dessen Vorzüge. Nebenbei erfahre ich, dass der Besitzer noch mehr Objekte sein eigen nennt. Wir schütteln uns artig die Hände und gehen unsere Wege. Und den wird der Vermieter schon noch machen.

Der zweite Termin ist ein Herdenauftrieb. Wir stehen schon kurz vor dem Termin im Pulk vor der 5-Zimmer-Wohnung. Jeder lauert auf die beste Position das Haus zu stürmen. Unübersehbar ist dieses neue Küchengericht: ein williger Mieterauflauf.
Der Vermieter fühlt sich wie ein Superstar, als er eintrifft. Allerdings muss es ihn als WanneBe-Superstar wohl verärgert haben, dass von ihm niemand ein Autogramm haben wollte …

Wir Neugierigen strömen in die Wohnung und begutachten jeden Winkel. Und irgendwie bekomme ich mit, dass der Vermieter einen unverschämt hohen Preis nennt.
 Angebot und Nachfrage? Die Nachfrage wird geringer und dünnt sich aus. Ich stehe beim Vermieter, als er mich ins Auge fasst.

– Na? Gefällt Ihnen die Wohnung?
– Nicht schlecht.

Ich nuschle eher stotternd dieses „Nicht schlecht“ und er schaut mich fragend an.

– Wo arbeiten Sie?
– Siemens.

Wieder genuschelt. Mir klebt die Zunge am Gaumen.

– Siemens? Die machen doch gerade Pleite und entlassen doch wie verrückt, oder? Woher kommen Sie?

Mein Gehirn arbeitet auf Hochtouren.

– Bras … äh, Argentinien …

Ich weiß nicht, was mich da geritten hatte, so einen Scheiß zu erzählen. Aber es fiel ihm nicht auf.

– Argentinien? Oder Brasilien? Also, ihr Argentinier hattet ja keine Chance bei der WM gegen uns. Ich meine, ich hab ja nichts gegen Ausländer. Aber manche sind ja recht unangepasst, nicht wahr?

Gut. Er hat es so gewollt.

– Brasilien. Ich bin aus Brasilien.
– Hat ich mir’s doch gedacht. Sie sehen auch eher aus wie ein Brasilianer statt wie son’n Argentino. Wieso haben Sie es nicht gleich gesagt?
– Äh, wegen den Brasilien-Klischees.
– Ach Quatsch! So was gibt es nicht. Ihr braucht euch doch nicht zu verstecken, bei euren knackigen leckeren Mädels da am Zuckerhut. Die sind echt alle super-scharf. Ich hätte auch mal gern so eine. Aber ich bin ja schon verheiratet. Und dann noch die vielen brasilianischen Nationalmannschaftfußballspielern, die ihr habt, wie … äh, Pele, oder äh, Ronaldo oder Elber oder Paulo Rink.

Ich lächle und bereue instinktiv gelogen zu haben: Unwirsch und um ihn zu verwirren, antworte ihm irgendwas auf portugiesisch. Er reagierte mit einem Schwall Spanisch. Ich unterbreche ihn:

– In Brasilien spricht man portugiesisch nicht spanisch?
– Was? Quatsch, die reden spanisch. Portugiesisch reden nur die dummen Portugiesen.

Nach ein paar Minuten bin ich wieder im Freien und atme die warme erfrischende Stadtluft.
Befreit.

Der letzte Termin führt mich zu einem Niedrigenergie-Traumhaus. Finanziell liegt es an der Schmerzgrenze. Mir gefällt es. Wirklich ein Traum.

– Nur eine Sache muss ich Ihnen noch sagen.

Ich schaue die jetzige Mieterin fragend an, während sie ihre Ärztezeitung und die SAP-Server-Handbücher ihres Mannes beiseite schiebt.

– Ich habe heute einen Brief der Vermieter bekommen. Die Miete soll für den nächsten Mieter um 200 Euro erhöht werden. Ich meine, wir verdienen sehr gut, da macht es bei uns nicht viel aus. Aber bei ihnen, oder?

Ich überschlage und kapituliere: Über 60 % meines Einkommens für die Kaltmiete? Dann habe ich kein Auskommen mehr mit meinem Einkommen.

Wieder im Bus sitzend ruf ich meine nächste Hoffnung an.

Ob ich denn ein Auto hätte. Seine Doppelhaushälfte läge ein wenig abseits. Nein, so was habe ich in meinem Leben noch nie besessen. Warum denn der Mietpreis dann so hoch sei, wenn die Wohnung am Arsch der Welt läge, frage ich gereizt zurück. Zum einem sei das eine sehr ruhige Lage und auch noch fast auf dem Lande und wer kein Auto besitzt, der könne eh nichts geleistet haben im Leben und käme für ihn als Mieter eh nicht in frage, schallt es durch die Muschel und ein Knacken zeigt mir, dass das Gespräch beendet ist.

Nun. Der Häuserkampf geht weiter.
Mann gegen Mann.
Schaun mer mal.

2 Gedanken zu „Moderner Häuserkampf in Deutschland

  1. Hm, sprechen die wirklich brasilianisch? Ich kenn da welche, die Stein auf Bein behaupten, das wäre keine Sprache sondern eine besonders neue Art Fußball zu spielen … :)
    Ups, ich wollte nicht wieder an die WM erinnern …
    :>>

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  2. In Brasilien spricht man weder Spanisch noch Portugiesisch. Die behaupten doch alle, sie sprächen Brasilianisch, und das ist ja was gaaaaaaaaaaaaanz anderes. :)

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