Blitzeis

Blitzeis ist eine gefährliche Geschichte.

Jeder weiss es und jeder hasst es. Nur wenige verspüren die Folgen davon.

Ich erlebte es gestern nacht um halb acht:
Fünf Fahrzeuge und ein LKW auf der Autobahn verkeilt. In einem der Fahrzeuge sass ich drin.
Alleine.
In einem Audi A6 meiner Firma.
Auf Dienstreise.

Wie durch ein Wunder ist bei dem Massenunfall niemand verletzt worden. Die Insassen zweier Fahrzeuge sind nur knapp am Tode vorbeigerutscht. Im wahrsten Sinne des Wortes. Eines der beiden Fahrzeuge wurde von mir gelenkt. Über eine eisglatte Piste. Auf der Bremsen keine Wirkung mehr zeigten. Wie Kugeln beim Pool-Billard klackten Autos gegen Autos gegen LKW mit Anhänger.

Als ich stand, rief mir ein Unfallbeteiligter zu:
„Rennen Sie weg! Schnell! Der Kranwagen kommt!“

Ein sechs-achsiger Kranwagen näherte sich der Unfallstelle und es war unklar, ob er rechtzeitig zum Stehen kommen würde.
Ich wollte weg, drehte mich um, wollte rennen. Dabei wäre ich fast gestürzt. Meine Füsse rutschten haltlos über die Eisschicht. Der Mann fasst mir helfend beim Arm, ich fing mich und konnte schlitternd weg. Aber wohin? Bei Blitzeis wird jedes bewegte Fahrzeug zum unkalkulierbaren Geschoss. Und auf der rechten Seite am Standdtreifen türmte eine zwei Meter hohe Schneewand.
Der Kranwagen kam – Gott sei Danke – rechtzeitig zum Stehen.

Zwei der Unfallfahrzeuge hatten Totalschaden. Bei einem Golf war ein Hinterrad abgeknickt. Seitenscheibe zertrümmert und der Motor freigelegt. Beide Airbags hingen raus.
Bei meinem Audi war das linke Vorderad und die linke Motorhaubenhälfte zerlegt und ein Reifen explodiert.

Ich stand auf der Autobahn im kalten Regen in der Dunkelheit, während die Polizei den Unfall aufnahm und ein vier Kilometer laner Stau sich bildete.
Vollsperrung.
Aber das war mir egal. Auch wenn ich bei den Leuten im Stau mitfühlte, dass sie von uns aufgehalten wurden.

Aber im Grunde war mir auch das egal.
Gott sei dank, keine Verletzten, nur Blechschäden.

Ich spürte den kalten Regen nicht wirklich. Ich spürte im Abschleppwagen nachher nur, dass sich meine Schuhe mit kalten Wasser gefüllt hatten, dass ich eigentlich komplett vom Regen durchweicht war.
Im Abschleppwagen war es mollig warm.

Heute bleib ich zuhaus.
Der Schreck steckt mir noch immer in den Gliedern.
Arbeitsunfähig.

Nach zwanzig Jahren unfallfreies Fahren gleich eine Massenkarambolage.

Aber das war mir egal.

Bemerkenswerter für mich ist nur:
Ich bin wieder mal mit dem Leben davongekommen … das zweite Mal in drei Monaten …

Ich hasse Winter.
Ich hasse Schnee.
Ich hasse Blitzeis.

Hoffentlich kommt bald der Frühling und dann sofort ein langer Sommer … .