Fliegender Zwischenruf ins Unreine geschrieben


Eine Fluggesellschaft verabschiedet sich vom Markt. Air Berlin stellt den Flugbetrieb ein. Deren Flugzeuge werden von der Kranich-Fluglinie größtenteils übernommen und all jenes Personal, was keiner benötigt, darf sich beim Arbeitsamt melden.

Eine irische Billigfluglinie streicht ebenfalls ihren Flugplan zusammen. Es fehlen ihnen Piloten. Viele Flugzeuge, wenig Besatzung. Der Billigflieger ist nicht sehr beliebt. Seine Bezahlung ist gering. Es steht zu vermuten, dass sie sich in Bälde um die entlassenen Piloten und Flugbegleiter der Air Berlin kümmern wird, wenn jene erst einmal spüren, was Arbeitslosigkeit bedeutet.

Vor einem Monat hatte Air Berlin einen recht hohen Krankenstand bei ihren Piloten. Um trotz Insolvenz den Flugbetrieb weiter halten zu können, forderte Air Berlin seine Piloten auf, trotz Krankschreibung wieder zurück in das Cockpit zu kehren. Krankschreibungen waren als Protest von der Firmenleitung enttarnt und entsprechend wurde dieses auch nach außen hin mitgeteilt. Und so entstand – wieder mal – eine Stimmung gegen Piloten, als überbezahlte Zerstörer von Urlaubsträumen anderer. Kommentare zielten darauf ab klar zu machen, dass Piloten die Urlauber leiden lassen würden.

Interessanterweise herrschte nach dem Germanwings-Flug 9525 und dessen Absturz vor zweieinhalb Jahren in den Provenzalischen Alpen ein anderer öffentlicher Konsens: Piloten mit Krankschreibung sollten gar nicht erst in ein Flugzeugcockpit gelassen werden dürfen. Piloten tragen die Verantwortung über das Leben der ihnen Anvertrauten. Zu leichtfertig könnte das Leben der Insassen aufs Spiel gesetzt werden. Genau so leichtfertig wie es der krankgeschriebene Pilot des Germanwings-Flug 9525 mit seinen 150 Insassen in krankhafter und mörderischer Absicht tat.

Jedes Jahr das selbe Szenario: sie sammeln sich in Schwärmen auf zentralen Flächen und warten mehr oder weniger geduldig. Sie unterhalten sich, sie regen sich über paar andere Reisebegleiter auf, sie mustern ihre Umgebung und alle warten nur darauf, dass es los geht. Die Vögel auf den Feldern, die Menschen in den Flughäfen. Insolvenzen von Fluglinien sind lästig. Piloten ebenfalls. Bei Insolvenzen gibt es das Insolvenzrecht, welches die Urlauber schützt. Gegen Piloten gibt es das nicht. Und Piloten haben auch nicht krank zu sein. Pilot-sein und krank-sein, das ist in der öffentlichen Meinung ein Unrecht, eine Vorsätzlichkeit der Piloten und nicht konsensfähig. Und wenn der Pilot seine Krankschreibung zerreißt und trotzdem fliegt, dann ist es auch wieder nicht recht, wenn der kranke Mensch als Pilot seine Anvertrauten nicht überleben lässt.

Wichtig scheint eh nur eines zu sein: schnell weg von dort zu kommen, wo man ist, um baldigst dort zu sein, wo man noch nicht ist. Und man möge uns dabei bitte nicht im Wege stehen, um uns daran zu hindern. Up, up and away.

Wer nicht hören will, wühlt in fremden Haufen


Ein Gedanke entwickelte sich mir beim Lesen von Jules von der Ley (Trithemius) Blog-Feuilleton-Artikel „Wie alles angefangen hat – ein Ohrenzeugenbericht“: eine Person spricht, die nächste spricht lauter, um dessen Stimme über die der ersten Person zu lagern, was eine dritte Person als Anlass nimmt, seine Stimme über die der zweiten zu legen, während die vierte Person in Folge die dritte übertönt, was die erste Person zu Anlass nimmt, die vierte zu übertönen.

Das Ganze müsste logischerweise in einer brutal akustischen Rückkopplung enden. Klappt aber nicht. Die Biologie hat dem Menschen ungerechterweise stimmliche Grenzen gesetzt. Ist nicht fair, ist aber so. Weswegen diese Grenzen sich auch letztendlich auf Konzerten mit „Brüll-Techno“ im Stile von H. P. Baxxter („How Much Is the Fish?„, „Hyper Hyper„, etc. von Scooter) manifestiert hatten.

Es mag viele Leser geben, die dabei gähnen werden, und müde abwinkend erklären, dass der „Brüll-Techno“ von den teilnehmenden Bands des Wacken Open Airs (seit 1990) stimmlich abgekupfert wurde.

Nur Jules analysierte hierbei profunder, erheblich grundlegender: Diskotheken, Waken Open Air und Brülltechno lassen sich eindeutig auf eine Gruppe von vier Personen zurückführen, die in ihre eigene Stimme verliebt sind und jenes in einem Café ausleben. Somit wären also alle nachfolgenden, rebellenhaften Veranstaltungen entmystifiziert und auf jenen simplen Kaffeeklatsch unserer Mütter und Bierstammtische unserer Väter rückgeführt. Eine ganze Generation von Schrei-Rebellen entmystifiziert. Schön ist das nicht, nicht wahr. Wie soll denn dann rationale Pubertät funktionieren, wenn die Jugend das Gleiche unter gleichen Vorzeichen in stimmlicher Verausgabung mit Hoffnung auf Differenzierung so etwas durchführt? Pubertät ist, wenn Eltern Probleme mit ihren eigens Erzogenen haben. Alles andere wird sowieso eh als Jugendkriminalität klassifiziert.

Eigentlich.

Und uneigentlich?

„Uneigentlich“ beginnt alles mit einem Wort des dialektischen Widerspruchs. Am Anfang war das Wort. Sprach schon Herr „Bibel“: Bestsellerautor, welcher auf keiner SPIEGEL-Shortlist verzeichnet ist; bitte nicht verwechseln mit dem Autor Herr Bebel, Vorname August – gültig auch im Oktober -, bereits tot (gültig zeitlos) und beerdigt (gültig für einen Verein namens SPD punktuell zeitweise), jener seines Zeichens einer Partei in Deutschland zugehörig gerechnet, einer Partei, welche mit der näherkommenden 5-%-Hürde kämpft …. hab ich eine Lästerung vergessen? .. ach ja, er war nicht Hedonist …  …

Moment. Ich bin komplett und total abgeschwofelt, äh abgeschweifelt. Oder irgendwie grammatikalisch so …

Also.

Jener Herr Bibel (nicht „Bebel“) erwähnte damals bedeutungsschwanger das Wort „Logos“. Das Wort wurde knapp vor nach der Sintflut pränatal abgetrieben. Beteiligt waren daran weite Schichten der Überlebenden (Säugetiere, wirbellose Tiere, Insekten, Amöben und exakt zwei ahnungslose Menschen) nur irgend erheblich meine privaten Interpretation nach in jenem Land, wo so etwas ein absolutes No-Go ist.

Also wohl eher Logik …

(… uff; ein Danke den reichhaltigen Lesern meines Blogs, welche mir blind und unbedarft folgen und unnachdenkenderweise zustimmen und durch die nicht-Kommentar meinen verschwurbelten Gedankengängen nachgerade zustimmen …)

… bei der man entspannt ein „woll“ hinterher schiebt. Meiner Sprache ist es halt kein reines Hochdeutsch. Das muss man mir als komplett unintegrierter, halbschlesischer Ausländer der mitteleuropäischer Hemisphäre einfach bitte mal nachsehen. Konkret ausgedrückt, ist das das, wenn sich in einer U-Bahn jemand in persönlicher Beziehung mit seinem eigenem Handy unterhält, ich es nicht als braver Bürger auf einem DIN-A4-Zettelchen protokollieren kann.

Logisch.

Woll.

Voraussetzung ist, dass der Gesprächspartner jener Person nicht gegenüber sitzt, sondern überhaupt nicht im gleichen U-Bahn-Wagon. In den Zeiten, als es noch kein Handy gab – die Leser meines Blogs im Teenie-Alter (Quote jener Leser: –0,00001%) werden wohl jetzt ganz verwundert aufmerken –, als es noch kein Handy gab, hatte es maximal nur Telefonzellen außerhalb den eigenen vier Wänden. Also jenes Zeitalter, als Internet nur in gewissen amerikanischen Verteidigungsinstitutionen existierte und in den hiesigen Universitäten noch eine exotische Geschichte war. Auf Telefonzellen klebten damals immer zwei Aufkleber: der eine lautete „Wer die Telefonzelle beklebt, wird angezeigt“ und der andere lautete „Fasse dich kurz“ (bezog sich nicht auf das Aufkleben von Aufklebern).

Ich erinnere mich daran nicht nur, weil Alfred Tetzlaff eine anrufbare Telefonzelle vor seine Haustür hatte, die sich in inniger Feindschaft mit Frau Suhrbier teilte. Und eben dort klebte auch in der Fernsehserie der Aufkleber „Fasse dich kurz“, welcher den kleinwüchsigen Alfred Tetzlaff erregte …

… okay, ich schwelge in unwichtigen Erinnerungen, also weiter …

… wo war ich stehen geblieben? Bei welchem Hölzcken auf Stöckzcken? …

Uneigentliches?

Telefonie.

In den 80ern telefonierte ich häufiger mit Brasilien. Die Leitungen waren erstens analog und zweitens schlecht. Dazu muss man wissen, dass analog nicht gleich schlecht ist und digital nicht automatisch gut, auch wenn digital besser sein kann als analog, aber analog nicht schlechter sein muss als digital (… wer stellt hierzu die mathematische oder booolansche Gleichung auf? …).  Inzwischen sind digitale Leitungen allerdings so gut, dass die Telefongesellschaften in Gesprächspausen der Teilnehmer ein Kunstrauschen einflieseln lassen, damit die Gesprächsteilnehmer erkennen, dass die Verbindung noch existiert. Denn digital kann bei Sprachlosigkeit der Teilnehmer schon manchmal richtig brutal rauschfrei sein.

Lange Rede, kurzer Sinn: interkontinentale Telefonleitungen waren vor paar Dutzend Jahren  immer irgendwie verrauscht. Und jenes Rauschen konnte die Stimme auch mal locker übertönen, was mit erhöhte Lautstärke beim Sprechen oder Schreien in den eigenen Telefonhörer kompensiert werden konnte. Ein bekannter Studienkollege in Aachen wurde von seinem wütenden Nachbarn zusammengefaltet, weil er es einmal im Gespräch mit Brasilien zu Hause zu laut telefonierte, damit er in Brasilien verstanden wurde (Stichwort: Papierwände in einer Altbauwohnung).

Nochmals:

Langer Rede kurzer Sinn: immer wieder begegne ich Menschen, die laut in ihr Smartphone reden, so dass jeder mithören muss, weil die Telefonierenden meinen, Entfernung zum Anrufenden wäre proportional mit der eigenen Stimmlautstärke telefonischerweise zu kompensieren.

Und dann denke ich mir: „So laut wie die Person redet, die hätte nicht anrufen müssen. Die andere Person hätte jene von hier aus sowieso verstanden“.

Und wie von Zauberhand kam mir letztens bei so einem Gespräch einer anderen Person der Gedanke, warum die Geheimdienste so viel Geld in Abhörtechnologie investieren, wenn eh die ganzen Technologie-nicht-Verstehenden in die Hörermuschel ihren Brüll-Techno veranstalten. Aber dann fiel mir rettenderweise eine Volksweisheit ein. Und das zuvor gedachte war mir total wumpe und knorke:

„Wer flüstert, der lügt.“

Mit einem Mall fand ich George Orwells „1984“ , NSA und Hörgerätehersteller wieder völlig sympathisch.

Leise hatte ich zu meiner hirnrissigen Idee in der U-Bahn meinen Banknachbarn gefragt. Der schaute mich seltsam an und äußerte seine Meinung, nicht zu wissen, was ich meinen wollte. Maliziös fragte er mich, was denn wohl ich gefragt hätte, denn wegen dem Laut-Telefonierer von Gegenüber hätte er mich nicht verstanden, meinte er …

Die U-Bahn hielt. Von meinem Platz beobachtete ich die Routine, sitzend bleibend: die Türen öffneten sich, blieben eine Weile offen und danach ertönte ein durchdringender Piepton und eine Stimme erklärte eindeutig für jeden vernehmbar im wunderbarsten Hochdeutsch in Bayern:

„Verrückt bleiben, bitte.“

Ich stieg nicht aus. Mein weißes Jackett ließ es nicht zu. Und die achtzehn Pfleger um mich herum und deren blauen Pillen, die ich dauernd mit BullWodka zu schlucken hatte, danach auch nicht.

That’s life.

Live.

 

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Anmerkung zum verlinkten Video:
der Karikaturist Dieter Hanitz zu Beginn des Videos, links vorne, sitzend

Anmerkung zum verlinkten Video:
der Karikaturist Dieter Hanitz zu Beginn des Videos, links vorne, sitzend

 

Münchner Geschichten (Teil 1): Über Beckenbauer, Biergärten, Bäume und Blätter


Als ich heute morgen gegen 7 Uhr meine Wohnung verließ, stand er vor der Tür meines Hauses, eine Sporttasche neben sich auf dem Boden, und bearbeitete die Klingelanlage.

„Hallo? Hallo! Ich bin der Honigmann. Hätten Sie gerne frischen Honig?“

Seine Sporttasche war offen und ich konnte Einmachgläser erkennen, die wohl mit Honig gefüllt waren.

Der Mann erschien mir leicht wirr. Mit seinen ungekämmten Haaren wirkte er auf mich, als wäre er gerade eben aus dem Bett gefallen. Und seine Bewegungen waren eher hektisch und nicht locker entspannt. Vielleicht hatte er auch noch im Kopf ein wenig Honig.

Als ich an ihm vorbei ging, blickte er mich fragend an: „Honig?“

Verneinend schüttelte ich den Kopf.

„Ich muss zur Arbeit, mein Job ruft“, schob ich wie zur Entschuldigung hinterher und ließ ihn mit paar Schritten hinter mir.

Das war natürlich gelogen. Mein Job hatte mich nicht gerufen. Um bei der Wahrheit zu bleiben, ich habe zu keiner Zeit nie meinen Job jemals rufen hören, egal wie angestrengt ich auch lauschte. Es heißt zwar „Beruf“, aber selbst wenn er „Aaruf“ hieße, rufen tut der nicht. Klar, wer „Aaruf“ sagt, muss auch „Beruf“ sagen. Sonst ist am Monatsende recht schnell Essig mit dem eigenen Ruf bei Banken, Versicherungen, Geschäften, Vermieter und Freunden. Aber rufen, nein, das tut ein Job nicht, auch wenn es der Beruf ist.

„Franz Beckenbauer ist tot!“, hörte ich hinter mir her rufen, während ich meine ‚Ruf‘-Gedanken zu Ende dachte.

„Haben Sie schon gehört, der Franz Beckenbauer ist tot,“ rief mir der Honigmann nochmals wesentlich lauter hinterher. Ich drehte mich um und hob leicht hilflos meine beiden Arme, um ihm anzudeuten, dass mich das Thema nicht wirklich berührte. Eigentlich lies es mich sogar ratlos und eher kalt.

Anfangs lag mir ein spontanes „Gibt es heute Abend dazu einen ARD-Brennpunkt mit Sigmund Gottlieb?“ auf der Zunge. Aber ich unterließ es. Es wäre öffentliches Verspotten gewesen und das musste nicht sein. Er wollte lediglich Honig verkaufen. Ihm mit Spott seinen Elan und seine Verkaufsstimmung zu vermiesen, das würde nur sein Geschäft für heute beeinträchtigen.

Vorsichtshalber prüfte ich trotzdem noch in meinem Smartphone die lokale, nationale und internationale Nachrichtenlage ab. Man weiß ja nie, ums Verrecken nie. Aber ein „Schaun mer nimma mal“ war nirgendwo ein Aufmacher. Ja, äh, ich sag mal so, der Holzmichel Beckenbauer lebt dann wohl noch.

Und in vier Tagen, am 11. September (den berühmt berüchtigten), wird er seinen 72. Geburtstag feiern. Darum an dieser Stelle:

„Ja, äh, ich sag mal, ‚FIFAt, FIFAt‘, lieber Franzl“ , bevor es der Blatter oder ein Infantino vor mir macht, woll.

Die morgendlichen Straßen wirken inzwischen herbstlich als noch vor einer Woche. Vor acht Tagen reichte es noch zu wohligen Temperaturen um die 31 Grad Celsius. Und morgens war es noch über 20 Grad. Inzwischen bin ich bereits froh, wenn um die frühe Stunde bereits die Hälfte davon erreicht wird.

Dass der Sommer bereits Geschichte ist, lässt sich in München an den Kastanienbäumen ablesen. Ihr Blätter zeigen braune Ränder und die ersten reifen Fruchtkapseln öffnen sich. Bayerns wucherndes Pfund der Biergärten sind die Kastanienbäume in eben diesen Biergärten. Zu den Gründungszeiten muss wohl in Bayern eine Klosterverordnung existiert haben, welches übermäßigen Bierkonsum und Bierräusche nur in Biergärten unter Kastanienbäumen erlaubte. Das war kein nettes Gesetz, denn in den abgeholzten Tallandschaften Bayerns gab es keine Bäume, aber wohl eine gewisse Gier nach Bier. Denn seit dieser Verordnung ist Bayern voll von Kastanienbäumen. Vielleicht könnte das auch als Aufforstungsmaßnahme in anderen Ländern (u.a.a. Amazonas oder so) helfen.

Nun ja. Der Sommer ist passé und das Sitzen in Biergärten unter Kastanienbäumen eine Erinnerung. Im Herbst macht es weniger Spaß, dort zu sitzen. Es ist kühl, die Sonne ist nicht mehr so kräftig, das Grün der Blätter ist eher bräunlich und es ist irgendwie lästig, alle zehn Minuten eine Kastanie aus seinem Bier zu fischen.

Alle zehn Minuten.

Das ist natürlich übertrieben. Die Wahrscheinlichkeit, das eine Kastanie in ein Bierglas plumpst, ist sehr gering. Wenn dem der Fall so wäre, gäbe es auch signifikant mehr Menschen mit Kopfverletzungen in Biergärten. Nur mal so angenommen: selbst wenn so eine stachelige Kastanienfrucht Macht eines ihr irgendwie gearteten Willens vorhaben würde, also, ein Wollen haben würde, in ein gefülltes Bierglas zu landen, dann würde sie es dennoch nicht schaffen: es wäre doch immer über dem Glas ein Kopf, welcher bierdimpfelnd sich Gedanken darüber macht, wie sein Bier effektiv vor fallenden Kastanien zu schützen wäre.

Während laut Zeitungsverlag FAZ sich hinter deren Zeitung immer ein kluger Kopf befindet, ist es nun mal beim Bier der Kopf darüber. Und das ist auch nicht unklug. Denn zum Schutze des bayerischen Reinheitsgebotes des Bieres sollte eigentlich einem klugen Kopf kein Preis zu hoch sein. Andererseits, es hat nie jemals ein Rauschen in den Zeitungsblättern dieser Nation gegeben, weil massenhaft blutige Köpfe in den Notaufnahmen verbunden wurden, eben weil es in bayrischen Biergärten zu einer gefühlten Bombardierung der Biertrinker durch Kastanienbäume mit deren stachelige Früchte gekommen wäre.

Ein Zusammenstoß zwischen Kopf und Kastanie ist somit als recht unwahrscheinliches Ereignis einzuordnen. Zumindest kenne ich niemanden, der jemanden kennt, der von so einem Fall gehört hat und zu berichten weiß, dass jemanden Kopfes wegen Kastanienfrüchte genäht oder geklammert werden musste.

Sollte trotzdem wer vor so einer schmerzhaften Begegnung Angst haben, ein kleiner privater Tipp von mir: die Wahrscheinlichkeit, dass so ein Ereignis eintritt, kann verringert werden, indem man gleichzeitig hinter dem Bierglas noch eine FAZ studiert. Ich weiß, ich bin ein kluger Kopf. Findet ja auch die FAZ. Aber nur wenn ich deren Zeitung kaufe, um mich vor fallenden Kastanien beim Biertrinken zu schützen. Darüber hinaus haben die Blätter solch einer Zeitung noch einen weiteren Vorteil.

„Trinken Sie das Bier noch aus, oder soll ich es abräumen?“

„Ach, nein, danke, ich trinke es hier nicht mehr. Die Rechnung, bitte. Und, können Sie mir den Rest vom Fass dann zum Mitnehmen bitte in meiner Zeitung hier eindrehen?“

Sollte der Kellner ja sagen, dann würde ich allerdings auch in Erwägung ziehen, dass nach dem Überreichen der FAZ ein spontanes Kastanienbombardement des Baumes über mir einsetzen könnte.

Ja, äh, ich sag mal, das war jetzt Biergartenwahrscheinlichkeitsrechnung praktisch durchdacht.

Der Tag, als Käpt’n Iglo starb …


Die Gegend hat sich geändert. Früher gab es hier mehr Animierlokale. Für mich war das gut. Je mehr Animierschuppen es gab, um so mehr Auswahl an Arbeitsplätze hatte ich. Wenn der eine mir blöd kam, ging ich zum nächsten. Und wenn der Besitzer komplett durchdrehte, dann zum Nachbarn. Als Stripper hatte ich meine Auswahl. Ja, Fremdenverkehrsführer der Nacht war ich. Vermittler einer Illusion. Fremdenverkehrsführer der Nacht sein, war wie ein Naturzuhälter. Wir Kreaturen der Nacht geben den Suchenden eine Natur, was sie meinen zu suchen. In der Dunkelheit der Anonymität wird jeder Suchende zum Findenden, weil schlecht zu sehen ist, dass jenes, was gefunden wird, auch das ist, was zuvor gesucht wurde.

Und wir sind gut im Finden helfen. Sei es diejenigen, die sich gerne ihr Näschen ziehen wollen, ob Harzer, Angestellter oder Topmanager. Sie sind alle gleich. Ja, und zu diesen dreien gehören auch die Frauen. Frauen sind zwar nicht so gerne gesehen bei meinen Kolleginnen. Denn sie wollen eingeladen werden und da stoßen gleiche Interessen wie gleichpolige Magnetseiten aufeinander. Dreht sich dann die eine Seite, dann knallen sie heftig aufeinander. Frauen waren eher an einem Lap-Dance von mir interessiert. Sie wollten sehen, ob ich mehr als ihr Freund oder Mann hatte. Wenn sie ungeduldig wurden, dann konnten sie schon mal extra zulangen. Hatte ich dann extra abgerechnet. Männer waren auch meine Klientel. Die meisten wollten wissen, ob sie auch eine Bi-Seite haben, die wenigsten wollten den Schwanzvergleich. Verbal oder physisch war er seltener gefragt. Allerdings je nach Alkoholisierungsgrad.

Die rote Plüschsofa-Herrlichkeit war meine Welt. Rote Plüschsofas, die Luftlandeplätze der Vögel der Nacht, weil Plüsch eine heimelige Sicherheit suggeriert. Aber jeder Landeplatz ist auch gleichzeitig ein Startplatz. Bestellt von einem Landschaftspfleger, der uns die Lizenzen zum Aufenthalt dort gab. Irgend so ein Bauer, der damit hoffte, die dickste Kartoffel in der Kulturlandschaft der Landschaftspfleger zu finden. Wir, das waren diejenigen, die das Abheben der Kulturlandschaftbesichtigenden verhindern sollten. Wir, das waren die Vögel, die uns in jene Turbinen dieser unsteten Menschen und permanent Abhebenden schmissen. Mit Leib und Seele. Ein einträgliches Geschäft, wenn man auch mit der Seele dabei war. Wir hinderten sie am Abheben und kassierten sie ab, für das Reparieren inklusive Startplatzgebühren. Sex ist ein schöner konservativer Motor. Ich bin konservativ. Ich will, dass es so bleibt, wie es ist, dass die Unsteten der Nacht bleiben und mir ihre Aufmerksamkeit geben. Gut, dafür ziehe ich mich aus. Aber ich weiß, dass die Besuchenden eines Striplokals weniger Aufmerksamkeit den Stripper als der Stripperin geben. Ein blanker Busen zählt mehr als meine blanke Brust. Ihre Hüften mehr als mein Six-Pack. Und ihr Stangentanz mehr als meiner. Sie verdienen in den Hinterzimmern mit dem Lap-Dance oder dem, was einige an Extras anbieten.

Natürlich bot keiner meiner Kolleginnen irgendwelche Extras an. Prostitution ist verboten. Sowieso. Weißte Bescheid. Aber da, wo der Vorhang fällt, da ist im Dunkeln gut munkeln. Am besten konnten die Katholiken munkeln. Immer nur Halleluja war auf der Dauer auch nicht das, was sie antörnte. Stripp-Shows, das war für jene die gelungene Abwechslung zur jungfräulichen Marienverehrung. Da waren die Protestanten schon schwieriger. Die leben ja ohne striktes hierarchisches Religionssystem, da waren die schon staatlich orientierter. Staatstreuer. Sie wollten den Lap nur, wenn er gesetzestreu war. Wenn ich mich an christliche Prinzipien orientieren würde. Auf Verdacht hatte ich auf solche Fragen gesagt, dass sie wohl nicht katholisch wären, worauf dann oft „protestantisch“ die entrüstete Reaktionsantwort war. Logisch. Der Protestantismus der Preußen hatte ja erst Hitler den Weg nach Berlin geebnet. Tja, besser ein Hund an der imaginären Leine als ein Stall ohne Schweine.

Irgendwann ging das Geschäft immer schlechter. Alle wurden emanzipierter, aufgeklärter, hedonistischer und vor allem gerechter. Ein Lokal nach dem anderen schloss. Und Stripper waren immer weniger gern gesehen. Man wolle keine Konflikte durch homophobe Menschen und damit die Lizenzen der Stadtverwaltung riskieren. Inzwischen sehe ich in den ehemaligen Stripperlokalen meistens nur noch Wettbüros. Unkompliziert reich-werden ist der neue Sex der 10er Jahre. Dafür legen weiter viele den Inhalt ihrer Geldbörsen auf den Tresen und hoffen mit mehr von dort aus zu starten, als sie vorher gelandet waren.

Mein letzter Auftritt als Stripper war ein Private-Lap bei einer Frau im Hinterzimmer. Sie war weder weder eine der Vernachlässigten noch einer der Prüden. Sie stand als Frau ihren Mann, während wir zwischen den verschiedenen Drinks über Sex-Vorlieben schwadronierten. Wir versoffen ihren Portemonnaie-Inhalt und dann spendierte ich meine Tagesgage, bis der Besitzer uns rauswarf und mir Ladenlokalverbot erteilte. Im Lichte der aufgehenden Sonne beschloss ich, nie mehr zu strippen und mein Geld so zu verdienen, wie sie es tat. Mit einem regulären Beruf in einer Bank. Ich hatte vormals ebenfalls eine Ausbildung in einer Bank erfolgreich abgeschlossen, aber ich erhielt keinen Job. Es war das Jahr der Bankenkrise 2008, das Jahr der Ratte. Die Frau wollte mir helfen, aber sie hatte Mann und Kinder zu Hause zu ernähren. Somit wurde nichts draus. Ich hatte zwar ihre Telefonnummer, aber wir telefonierten nur einmal. Sie konnte mir auch nicht helfen. Im Jahr der Ratten.

Ich landete schließlich in der „ARGE“, dem heutigen „Jobcenter“, jobbte mal hier, mal da, mal dort, aber nie kam ich wirklich aus dem Aufstocker-Verhältnis raus. Wer will schon einen männlichen Ex-Stripper in einer Bank, wo eventuell alte Bekannte von mir am Schalter auftauchen könnten.

Es war im Dezember 2011, ich sollte mal wieder vorsprechen, weil mein persönlicher ARGE-Berater mit mir mal wieder meine Zukunftsaussichten auf dem Arbeitsmarkt durchsprechen wollte. Zwei Tage vor Heiligabend hatte er den Termin gesetzt. Dachte ich. Auf Weihnachtsgeschenke hoffte ich nicht, aber ich träumte schon mal von einem Festtag, denn ich war der festen Überzeugung, dass er was haben würde. Als ich in sein Büro reinkam, blickte er mich erst überrascht und danach leicht säuerlich an. Ich wäre ein Tag zu spät dran. Es wäre der 21te vereinbart gewesen. Er verwies darauf, dass er angehalten sei, mich jetzt mit Sanktionen zu belegen. Während ich mich leicht geschockt von der „Frohen Botschaft“ auf den unbequemen Holzstuhl niederlies, holte er meine Akte aus einem Schrank hervor und bemerkte dabei, er hätte einen Job für mich in einer Bank gehabt. Das wäre meine Chance gewesen, aber ich hätte sie versemmelt. Nach kurzem Zögern schaute er in einem Stapel nach und holte ein Blatt hervor, studierte es, schaute mich an und grummelte etwas von letzter Chance. Und dann eröffnete er mir, dass eine Werbegesellschaft für eine Kampagne einen männlichen Typen suche. Es wäre meine letzte Chance, ich solle mich bewerben oder er würde mich sanktionieren. Er drückte mir das Blatt in die Hand und ließ es mich quittieren.

Ich verließ die ARGE und trat auf die Straße hinaus. Draußen fiel mein Blick auf eine weggeworfene Zeitung. Der Wind schlug eine Seite auf und ich las, dass der werbe-bekannte Schauspieler Gerd Deutschmann gestorben war. Am 21. Dezember 2011. Aus einem Dachfenster ertönte „The year of the cat“ von Al Stewart. Ich blickte hoch. Die aus dem Fenster strömende Hitze ließ die Luft flirren und das kupferfarbene Dach im Hintergrund kochend erscheinen. Vor dem Fenster auf einem Absatz für Blumen saß ein Mann und aß in luftiger Höhe eine Pizza. Roof cat. Im Jahr der Katze.

Ach ja. Es gibt kein Jahr der Katze. Die Katze kam damals einen Tag zu spät zu jenem Fest, bei dem Buddha jedem Gast ein Jahr schenkte. Die Katze ging leer aus, weil eine Maus sie belogen hatte. Es gibt lediglich das Jahr des Hasens. Und ich war der Igel. Der Job war schon vergeben. Aber dafür gab man mir einen Job für die Straßenwerbung. Am nächsten Tag vor einem Supermarkt durfte ich mit Ringel-T-Shirt und Kapitänsmütze gebackene Fischstäbchen verteilen. An jenem Morgen geschnitzt wie aus einem Humphrey-Bogart-Film war seltsamerweise mein erster Kunde mein persönlicher ARGE-Berater. Als er mich an jenem späten Vormittag erkannte, ging er schnellen Schrittes vorüber und er erinnerte mich dabei eher an Peter Lorre, der etwas auszuhecken schien, als wie einen normalen ARGE-Mitarbeiter. Er schien mir seltsam berührt, dabei kannte ich ihn doch nicht von den Striplokal her.

Später verloren wir kein Wort darüber. Er schob mir nur eine Stellenbeschreibung der Bank of Wales rüber. Es begann das Jahr des Drachens …