Kneipengespräch: Postfaktische Ostereier


Tresen 0

“Und?”

“Genau.”

“Aber?”

“Ich habe es noch nicht verstanden.”

“Dem Manne kann geholfen werden. Herr Oberspielleiter, ein Kölsch für den Grübler an meiner Seite!”

Der Wirt blickte nur kurz auf, polierte eine Kölsch-Stange, füllte sie und schob sie neben dem anderen halbvollem Kölsch und widmete sich danach einer anderen Stange.

“Bassemauff. Da ist auf der einen Seite der US-Milliardär Robert Mercer”, er schob das volle Kölsch direkt neben dem halbvollem, “und da ist Cambridge Analytica und so”, er nahm das volle Glas, schüttete etwas in das halbvolle. Von dem nun aufschäumenden fast vollem Glas schüttete er wieder etwas in das jetzt dreiviertel Volle. Beide schüttelte er noch vorsichtig und schon schauten die Kölsch wie frisch gezapft aus, “und beide sollen die amerikanische Wahl beeinflusst haben?”

“Ja”, der andere schaute auf die beiden schäumenden Kölsch-Stangen, “die haben über Facebook die Wähler manipuliert.”

“Die sollen die amerikanische Wahl beeinflusst haben? Ich dachte, das wären die Russen. Da erzählt man mir dauernd, die Russen hätten Trump permanent in den amerikanischen Präsidentenstuhl gehievt, und jetzt wären es doch nur die Amerikaner selber gewesen? Was soll das denn sein? Demokratie?”

“Nein, nein, es waren schon die Russen, die die Wahl beeinflusst haben. Der Putin manipuliert alles.”

“Alles?”

“Al-les. Die Politik, die Fußball-WM, das Wetter. Das soll ja sogar bis in die Hochwasserstandsmeldungen der Elbe und im Oderbruch gehen.”

“Der Isar nicht?”

“Nein, die Isar ist sauber. Die brauchen wir in Bayern zum Bierbrauen. Solchen Manipulationen ist die CSU vor. Unser ultimative Bollwerk des Reinheitsgebots und gegen Manipulationen daran.”

“Vielleicht sollte man mal nachforschen, ob bei Cambridge Analytica nicht mindestens ein Russe sein Geld dort investiert hat und ob US-Milliardär Robert Mercer nicht etwa um paar Ecken russische Freunde hat. Vielleicht trinkt der ja bei Börsenschluss immer russischen Vodka mit echtem Beluga-Kaviar.”

“Komm, hör auf, drüber nachzudenken. Es waren die Russen! Das weiß doch jeder. Sogar mein Nachbar meinte, bald stehe wieder der Russe vor der Tür.”

“Mit Vodka? Vor der Tür? Serviert von US-Milliardär Robert Mercer und Cambridge Analytica? Oder mit ner Kalaschnikow als kleinen Gruß aus der russischen Manipulationsküche Putins?”

“Kalaschnikow geht ja gar nicht. Wenn, dann will ich meinen Russen mit einer AK-74 vor der Tür. Besser noch, weil aktueller, stilecht mit dem recht bekannten amerikanischen Sturmgewehr AR-15. Und während des Russen Finger sich um den Abzug krümmt, im Hintergrund eine Fanfare erklingt und eine freundliche Stimme ertönt, die da sagt: ‘Dieser böse, russische Amoklauf wurde Ihnen präsentiert mit freundlicher Unterstützung der freiheitlich-demokratisch fundierten National Rifle Association’.”

Ruhe. Beide tranken einen Schluck aus ihren Kölsch. Beim dritten Kölsch war der Schaum zusammen gefallen. Jetzt erschien es nur noch ein Drittel voll.

Ich nahm mir eines der russischen Eier, die der Wirt auf der Theke stehen hatte, und biss vorsichtig hinein. Die Remoulade eroberte sofort jeden Geschmacksnerv in meinem Mund. Zur Belohnung fiel noch etwas von dem rotem Fisch-Rogen mir auf meine weiße Hose. Wie zart doch diese Fisch-Rogen-Kügelchen ihre feinen Linien auf teurem Baumwollstoff ziehen können …

“Jetzt macht alles einen Sinn.”

“Wie?”

“Ich verlasse Facebook. Am 14. Oktober wird in Bayern gewählt. Manipulationen von Putins Russen nehme ich damit jede Chance. Ich will frei von Putins Manipulationen wählen dürfen!”

“Ach, komm. Und wie sollen wir uns dann ohne Facebook spontan auf ein Kölsch verabreden? Und was ist mit deinen ganzen Facebook-Freunden? Willste die einfach so verlassen? Du wirst einsam werden.”

“Stimmt. Hast auch wieder recht. Keine gute Idee. Also, auf unsere Facebook-Freundschaft. Prost.”

“Auf unsere Facebook-Freundschaft. Prostata.”

 

Wenn am Karfreitag die rote Sonne nie mehr versinkt …


“Könnten Sie bitte mal aus meinem WLAN rausgehen?”

“Wie bitte?”

“Sie stehen in meinem WLAN. Ich habe keinen Empfang und warte auf eine wichtige Nachricht von meiner Familie.”

“Ich stehe in Ihrem WLAN? Wie soll das denn bitteschön gehen?”

”Da! Sie haben gerade einen Schritt zur Seite gemacht und jetzt hab ich wieder WLAN. Könnten Sie bitte so stehen bleiben?”

“Ich glaube, Sie sind wohl ein wenig verpeilt, oder?”

“Jetzt stehen Sie schon wieder in meinem WLAN. Gerade haben Sie den Schritt wieder zurück gemacht und jetzt habe ich wieder kein WLAN.”

“Dann gehen Sie doch einen Schritt zur Seite.”

“Soweit kommt’s noch, dass ich für Sie einen Schritt zur Seite mache. Rücksicht auf den Mitmenschen ist nicht das ihre? Für Sie wohl ein Fremdwort, oder?”

“Ich mag Xenismen, wenn sie richtig verwendet werden.”

“Nun werden Sie aber mal nicht frech, ja? Was machen Sie da?”

“Ich dreh mir eine Zigarette.”

“Hallo, hier ist rauchen verboten!”

“Ja und?”

“Sie dürfen hier nicht rauchen!”

“Ich rauche ja auch nicht.”

“Aber Sie wollen es und ich persönlich werde das unterbinden. Rauchen ist hier in unserem Club verboten! Moment, jetzt sehe ich es gerade.”

“Ja? Was? Dass ich kein Feuerzeug in meinen Händen halte?”

“Sie haben einen Bart!”

“Echt jetzt? Sie sind wohl ein verkanntes Adlerauge, oder was?”

“Mitglieder unseres Elite-Clubs ist das Tragen von Bärten untersagt.”

“Sagt wer?”

“Die neue Satzung vom 1. März 2018.”

“Hab ich nicht gelesen.”

“Ging als Rundschreiben an alle Mitglieder heraus. Das Tragen von Bärten und Hipster-Frisuren ist seit dem ersten März untersagt. Glatzen habe eine Übergangsfrist von vier Wochen, bis zum 31. März. Dichte 3-Tage-Bärte bis zum 1. April.”

“Und das soll ich Ihnen jetzt glauben?”

“Was machen Sie da?”

“Ich glaube Ihnen nicht, ich rufe die Hotline vom Club an. Ich werde mir das bestätigen lassen.”

“Sie dürfen hier nicht telefonieren. Hier ist eine Ruhezone. Das ist über alle Maßen rücksichtslos von Ihnen! Privatgespräche sind hier nicht erlaubt!”

“Aber ihr WLAN ist noch okay, oder? ”

“Seien Sie nur nicht so spöttisch arrogant! Das mindert nicht ihr Fehlverhalten!”

“Wenn Ihr WLAN nicht funktionieren sollte, ich könnte ihnen ja anbieten, für Sie nach einem WLAN-Kabel mit Club-Rabatt zu fragen.”

“Jetzt stehen Sie schon wieder in meinem WLAN. Das ist unglaublich! Das machen Sie mit Absicht. Wie sind Sie überhaupt hier in unserem Elite-Club reingekommen? Mit Bart, mit ihrer Hipster-Frisur und ohne ordentliches weißes Hemd?”

“Weißes Hemd ist auch erforderlich?”

“Seit Palmsonntag. Also letzten Sonntag. Wenn alle ordentlich angezogen sind, dann vereint es den Menschen und bringt allen das Gefühl von Solidarität miteinander. Und Hemden sind der Anfang.”

“Durch ordentlich weiße Hemden? Übergangsfrist bis zum Weißen Sonntag?”

“Sobald Sie wieder aus meinem WLAN getreten sein werden, lasse ich dem Management eine Mail zukommen, in der ich auf ihr Fehlverhalten eingehe und es detailliert beschreibe. So etwas wie Sie hat uns hier gerade noch gefehlt!”

“Wieso? Sie haben mich doch. Nur, wenn das die Anforderung an die neue Elite ist, dann trete ich hiermit sofort aus, bevor ich mich durch Leute wie Sie kreuzigen lasse. Und rauche mir dann in Frieden draußen ein Zigarettchen. Sie gestatten?”

“Austreten geht nur mit zwölfmonatiger Kündigungsfrist, Sie verwahrloster Flegel! Und das Rauchen vor dem Club ist ebenfalls wie die Nutzung des Handys NICHT erlaubt! Sie sollten mal Rücksicht lernen! Merken Sie sich das, Sie Quertreiber! Und gehen Sie mal wieder zu einem anständigen Friseur der anständig Haare schneidet!”

Kneipengespräch: Luftige Gedanken


C360_2013-12-12-17-12-54-529_DxO_thumb.jpg

“Große was?”

“Koalition.”

“Und was ist davon das Gegenteil?”

“Kleinkrieg.”

“Geht alles nicht. Hört sich nach dicke Luft an. Geht gar nicht!”

“Wem sagst du das. Ein Freund hatte letztens einen Job in der Bauleitung am Flughafen BER offeriert bekommen. Im obersten Baucontainer dort.”

“Wow! So ein Job ist zukunftssicher. Job mit Aussicht. Bis zu Rente Vollbeschäftigung. Sofort annehmen.“

“Er hat abgelehnt. Stattdessen ist er zu den Stadtwerken gegangen.”

“Schlechte Entscheidung. Wenn demnächst eh jeder sowieso umsonst fahren darf, im öffentlichen Nahverkehr. Bekloppte Idee. Völlig hirnrissig.”

“Idee ist die Entlastung der Straßen. Das schafft mehr Platz für unsere SUVs und andere Pferdestärken.”

“Ja, sicher. Mehr Parkraum für die Autos. Weil, die Bürgersteige werden nachts bei Schnee und Regen leerer. Wenn die ganzen miefenden Penner und stinkenden Junkies dann U-Bahnen, Busse und Straßenbahnen nutzen und mit ihrem Gestank alles verpesten. Nur, klappt das nicht. Denn so kriegste die Leute nur ruckzuck zurück in ihre SUVs und Diesel-Edeldroschken. Damit schaffste ÖPNV-Abstinenzler. Und wer soll dann das alles wieder zahlen, wenn jeder umsonst fährt? Schwarzfahrer als Gegenfinanzierung fällt ja dann auch weg.”

“In München nicht. Da brauchste ne Bahnsteigkarte, wenn du nicht in die U-Bahn einsteigst. Also, alle Leute ohne 40-Cent-Bahnsteigkarte kriegen wegen ungelöster Bahnsteigkarte ne Rechnung über 60 Euro. Einmal die Aufgänge für drei Stunden kontrollieren, finanziert einen Tag kostenloses U-Bahn-Angebot gegen. Und nach drei Tagen herrscht wieder bessere Luft in den Verkehrsmitteln. Nebenbei, Hamburg hat das gleiche im Angebot für ihren ÖPNV. Luftverbesserung dank kostenlosen ÖPNV dank kostenpflichtiger Bahnsteigkarte.”

”Ich bin begeistert. München ist Lenins Beweis für deutsches Revolutionsverhalten. Bahnsteigkarten als Lösung von Finanzierungsproblemen. Na, da sag ich mal ein Prosit auf die reine Luft. Hauptsache, das Rauchverbot in Kneipen bleibt bestehen, das Reinheitsgebot für unser Bier bleibt unangetastet und das Blech bleibt heilig. Prost.”

“Den Wind zum Trocknen reinholen. Sowas macht uns so leicht niemand nach. Made in Germany. Die letzte Revolution in München war die ‘Biergartenrevolution’, Anno Domini 1995. Da brauchte es aber auch keine Bahnsteigkarten für die U-Bahn. Noch ein Kölsch?”

 

Bilderstürmer


“Sie haben es wahr gemacht.”

“Was denn?”

“Sie haben das Bild aufgehangen.”

“Welches Bild?”

“Das Bild von Abraham Bloemaert.”

“Abraham Bloemaert?”

“Ein niederländischer Maler des 16. Jahrhunderts.”

“Und welches Bild?”

“Jesus und die Samariterin.”

“Und?”

“Es war bereits von 1959 bis 1963 das Hochaltarbild der Kirche gewesen.”

“Und was ist daran so erwähnenswert?”

“Es wurde abgehangen. Einigen einflussreichen Gemeindemitgliedern war der Oberschenkel der Samariterin zu ausgeprägt und soll wohl zu viele Gottesdienstbesucher während den heiligen Messen abgelenkt haben.”

“Ein nackter Oberschenkel einer Frau in einer Kirche?!?”

“Nun, er war nicht nackt, sondern vom leichten Gewand jener Samariterin bedeckt. Allerdings, unter dem Gewand waren die ausgeprägten Formen des Oberschenkels eindeutig deutlich zu erahnen.”

“Wie obszön! Ich meine, die Vorstellungen jener Mitglieder bei so einem Bild.”

“Das Bild sollte sogar verkauft werden, als klar wurde, dass es ein echter Bloemaert ist. Der Plan schlug fehl, weil das Bistum die Monetisierung nicht erlaubte. Nun hängt es wieder im Hochaltar. Und die Erwachsenen starren wieder während der Predigt auf den prächtigen Oberschenkel. Die Bilderstürmer von damals leben nicht mehr.”

“Unvorstellbar. Sollten Gottesdienstbesucher geistig vor dem Bild etwa gewichst haben?!? Ich lach mich schlapp. Was hing denn dort eigentlich zuvor?”

“Das Bildnis der Abnahme Jesus vom Kreuz. Eines Unbekannter Maler mit barockem Malstil. Das Bild wurde damals in Kirchhundem eingekauft. Kreuzbrave Gegend dort. Alles koscher gemalt, äh, keuscher gemalt, barocker als vom holländischen Maler zuvor.”

“Nur für mich so zur Info. Die Abnahme Jesu vom Kreuz. Das heißt doch, der war doch komplett nackt dargestellt mit maximal einem Tuch um die Lenden, oder?”

“Stimmt. Aber dafür war die Mutter Jesu unterm Kreuz so komplett zugekleidet, wie es heutzutage in Österreich für Frauen einer bestimmten Religion verboten ist.”

“Tja. Die guten alten Zeiten auf dem Lande. Da herrschte noch Zucht und Ordnung …”

Wählerisch


„Also, pass mal auf, wenn du dieses hier mit dem da mischt, dann hast du ein blumiges, erdiges Erlebnis mit einem Hauch von Karibik unter dem Gaumen. Und im Rachen britzelt ein Sonnenuntergang wie in Rio de Janeiro am Arpoador-Felsen.“

„Dem Pedro de Arpoador in Rio?“

„Genau dem!“

„Echt? Wow. Wenn die Sonne von dort aus im Meer versinkt, dann applaudieren die Menschen. Ist nicht wie hier in Aachen. Schon mal erlebt?“

„Nein.“

„Aber ich. Einmalig“

„Ich sah nur den Sonnenuntergang auf dem Teide von Teneriffa. Im Schlafsack mit zehn anderen Kletterern.“

„Echt? Wow. Genial. Ich beneide dich.“

„Und ich dich um Arpoador. Warste privat dort?“

„Privat und geschäftlich. Aber darüber rede ich ungern. Vergangenheit.“

„Ja, die Vergangenheit. Der Teide war auch so eine Geschichte. Ich wollte hoch hinaus. Und danach war der Abstieg nur noch per Seilbahn möglich. Kontinuierlich und unerbittlich.“

„Unerbittlich musst du mal Jägermeister mit Tonic und O-Saft mischen, ein Minzblättchen darüber, ein Spritzer Hansa-Bier untergerührt, leicht vermischt mit gehakten Eiswürfeln. Aber nur leicht umrühren.“

„Ein Spritzer Hansa-Bier?“

„Ein Spritzer. Aber nur einen. Und dann gut verrühren. Aber nur leicht. Jeder, dem ich das servierte, war begeistert.“

„Wow. Hört sich gut an. Du warst Bar-Mixer?“

„Nein. Cocktails war mein Hobby als BWL-Student. Damit habe ich die BWL-Mäuschen damit reihenweise flach gelegt. Die haben immer nur auf meine Fleckenkrawatte und meinen Aktenkoffer gestarrt. Das war mein Schenkelöffner schlechthin.“

„BWL? Hattest du ne eigene Firma?“

„Nein, ich arbeitete mal für den Windhorst. Ich hab ihm immer gesagt „Probleme sind nur dornige Chancen“ . Der hat nur gegrinst. Keine Ahnung, ob er ihn verstanden hatte. Nur den Satz hat er sich wohl gemerkt. Ich hatte mal gehört, wie er den Satz einszueins am Telefon irgendwem mal erzählte. Wohl so nem Studienkollege.“

„Windhorst? War das nicht mal der Adler Kohls? Das Vorbild für die Jugend?“

„Vergiss es. Jener flügellahme Adler hat meinen geniösen Satz am Telefon als den seinen Einfall ausgegeben. Arschgesicht. Hm. Themawechsel. Hast du schon den neusten Jahrgang vom Vin de Pays de l`Hérault probiert? Ich sag dir, eine Offenbarung. Dagegen war der letzte Jahrgang der reinste Koma-Rotwein. Der kommt so etwas, wenn du ihn unter die Zunge bringst.“

„Nicht mein Fall. Ich bleib lieber den Amerikanern treu. Ehrlich, hart und erdig. Deren Whiskeys schmecken einfach unvergleichlich.“

„Naja, bleib doch lieber europäisch. Oder deutsch.“

„Deutschland hat keine Whiskey!“

„Noch nicht, aber im Schwarzwald soll sich eine Destille gründen.“

„Schwarzwald. Pah. Wir sind doch hier nicht im Schwarzwald. Ist eh alles im sauren Regen verregnet.“

„Aber immerhin westdeutsch.“

„Meinetwegen. Nur geht es im Leben darum in der Champions-League der Weltklasseliga mitzuspielen. Und da muss sich alles an Jackie messen lassen.“

„Jackie ist nicht das Maß der Dinge.“

„Sondern?“

„Ein leckeres Bier.“

„Okay. Aber sowas knallt nicht so dolle. Es braucht mehr Effektivität und Effizienz.“

„Effektivität und Effizienz? Hört, hört, hört. Hast du dazu bereits Kennzahlen erstellt?“

„Kennzahlen? Wieso?“

„Effektivität und Effizienz sind nur messbar, wenn es dazu Kennzahlen gibt. Jedes Jahr eine Kennzahl, und jede muss besser sein als jene des Vorjahres. Das ist Fortschritt. Das ist Wirtschaftswachstum.“

„Willst du jetzt Bier mittels Kennzahlen beurteilen?“

„Warum nicht? Wenn wir auf dem aufkommenden Weltmarkt Bestand haben wollen, müssen wir uns dem Wettbewerb stellen. Weltklasse geht nur mittels Kennzahlen.“

„Stimme ich dir zu. Wenn wir uns nur auf unser Gefühl verlassen, dann werden wir die Liga der Weltklasse verlassen. Und wollen wir das? Da stimme ich dir vollkommen zu. “

„Natürlich nicht! Der Feind des Guten ist der Bessere. Und wir müssen besser werden. Nur die Schönträumer meinen, mit Anti-Kapitalismus lässt sich eine Weltwirtschaftsordnung errichten.“

„Ich sehe, wir reden auf einer Linie. Wer die Wahl hat, benötigt keine Domina.“

„Ich sag dir eines: Wir sitzen hier, die Welt zieht wie auf nem Catwalk an uns vorüber, wir schauen auf den Kugelbrunnen und wissen mehr als die Leute, die vor uns auf und ab rennen und hoffen, man beachte sie in ihrer Öcher Printenseeligkeit.“

„Du sagst wahres. Wir haben unsere Konten gefüllt und haben jetzt das laissez-faire, laissez-aller, was alle so gerne hätten, aber nicht haben, weil sie nichts geschafft haben. Schau dir doch nur die Gestressten an. Ich lache. Schau dir doch nur den dämlichen Fotografen dort drüben an. Wahrscheinlich ein Öcher Maschbauer. Trottel von Aachen. Glücksfall für Frauen. So einer wird immer nur arbeiten, ohne etwas zu haben. Wenn solche alle demnächst an der Wahlurne gehen, fällt denen eines Tages auf, dass die 99% von dem, was denen als Leben verkauft wird, nicht brauchen.“

„Yep. Eine Armee aus Schrott- und Neurosen-Süchtige.“

„Hey! Rede nicht so daher! Nimm sie wenigstens etwas ernst! Als Menschen. Meinetwegen auch als Trottel. Aber als Menschenwesen.“

„Tu ich. Diese Knispel geilen sich nachher immer über Wählerbeschimpfungen auf. Erst durch passende Beschimpfung fühlen diese sich doch wertgeschätzt.Und darum werden die auch das wählen, wofür sie nachher die meiste Wertschätzung erhalten.“

„So ein Quatsch!“

„Hm.“

„Doch!“

„Okay. Sie wählen mündig und aufgeklärt deren Weltklasse. Die Schafe wählen ihre Metzger.“

„Du willst also erklären, dass Wahlen der Schlachthof der Demokratie sind, weil der einzige wahre dritte Weg die Diktatur sei?“

„Äh. Nein. Der dritte Weg ist eindeutig marodierender Art.“

„Wollte ich auch gehofft haben. Du hast noch mehr Hirn als die, die uns hier so hirnlos angaffen. Wie hatte dein letzter Chef nochmals gesagt?“

„Geh wählen und ihr werdet auserwählt werden.“

„Echt? Soll der gesagt haben?“

„War Priester. Trat zwei Jahre später aus der Kirche aus und verkauft inzwischen am Bushof den Wachturm.“

„Gott erhalte ihn.“

„Möglichst bald? Oder seelig? Sprich, biste so gläubig auf einmal?“

„In vino veritas.“

„Was trinkst du denn, dass du jetzt so filo so fisch wirst.“

„Vin de Pays de l`Hérault.“

„Weißt du, dass in kalten Jahreszeiten sich die Flasche mit O-Saft, Zimtstangen und Nelken für das Zwanzigfache verkaufen lässt? Die Mittelklasse giert danach, wenn er gut warm und dafür teuer verkauft wird.“

„Klar, weiß ich das. Erstes Semester BWL, Vorlesung vom Wirtschaft-Prof.“

„Und was hat es dir gebracht?“

„Dass sich Gummibärchen mit paar chemischen Komponenten und Kohlensäure in Wodka auflösen lassen und dann besonders gut mit chemischen Drogen knallen.“

„Tja, das so ist der Fortschritt. Er muss gut knallen. Eine Weltklasse will halt nun mal jeder auch beim Saugen der Strohhalme. Hauptsache es passt irgendwie. Sind ja jetzt so alle so öko und bio und so gesund.“

„Willste noch meine Mischung Wilder Mann? Himbeersirup mit Wodka, etwas Bacardi, drei Teile Ananassaft, etwas Genever und einem Schuss Kölsch in einer Konlechner-Bier-Dose geschüttelt, weil die so ne geile Innenraumdosenversiegelung haben.“

„Klar, gib mal rüber. Aber statt Ananas lieber Anna trocken, woll.“

„Häh?“

„Kalauer gemacht. Echt jetzt: deine Mischungen waren bislang wie immer Weltklasse. Die dort an uns vorbeigehen, die sind doch nur neidisch, weil wir deren Welt nicht mehr ernst nehmen.“

„Du sagst es. Hier. Nimm die Dose. Macht vierfuffzich, weil du es bist.“

„Klar. Kannste auf nen Hunderter wechseln?“

„Mach mich feddisch, du Säufer!“

Weltklasse fuer Deutschland

Kneipengespräch: Krieger, denk mal …


C360_2013-12-12-17-12-54-529_DxO_thumb.jpg Die ganze Zeit saß er schweigsam neben mir und nur hin und wieder entfuhr ihm ein leichter Seufzer. Ansonsten sagte er nichts. Sein Business-Anzug war von edlem Stoffe. Dessen mattes Dunkelgrau strahlte eine Ruhe und Überlegenheit aus, die allerdings kaum zu den Gesten seines Trägers passten. Immer wieder hob er seine Kölsch-Stange auf Mund-Höhe, setzte sie aber unentschlossen ab, spielte darauf mit seinen Fingern an dem Sockel des Glases und trommelten dort einen unhörbaren Rhythmus drauf. Das machte er drei oder viermal, bis es mich störte und ich mich ihm zuwandte.

„Sie müssen das Kölsch schon trinken. Lediglich es in Gedanken zu tun, hilft nichts, denn dann wird’s schal. Prost.“

Ich hielt ihm mein Kölsch zum Anstoßen hin. Aber er sah mich nur an. Wenn Augen der Spiegel zur Seele sind, dann sah ich tief in einem leeren Abgrund. Mit seiner linken ruckelte er kurz seine fliederfarbenen Krawatte in Position, strich vorsichtig über sein weißes Hemd und ergriff sein Kölsch.

„Wissen Sie, da sagen Sie etwas bedeutendes.“

„Prost?“

„Nein, Gedanken.“

„Sie machen sich Gedanken? Ich mach mir lieber einen schönen Abend.“

„Sie denken nicht, okay, sie geben mir aber zu denken. Wissen Sie, was Nekrophilie ist?“

„Ich denke Gedanken, also bin ich. Und Menschen mit nekrophiler Veranlagung fühlen sich von toten Gegenständen angezogen, weil sie Angst vor dem Lebendigen haben.“

„Richtig, mein Bester“, er hob sein Glas und stieß mit mir an, „auf deutsch, solchen Menschen ist ein Blechschaden an der eigenen Karre mehr Aufregung wert als die weltweit an Hunger sterbenden Kinder. Das Blech ist heilig. Und ein Galgen ist solchen Menschen beachtenswerter als jener Mensch, der drunter steht.“

Ich nahm einen Schluck aus meinem Glas und versuchte abzuwiegeln, um das Gespräch in seichtere Gewässer zu führen: „Sind wir nicht alle ein klein bisschen nekrophil?“

„Für jene ist das größte Aphrodisiakum all jenes, was den Geruch von Tod an sich hat: Uniformen, Raketen, Drohnen. Nicht, weil dies lediglich Totes sind, sondern weil sie den Geschmack des Todes bringen. Und der Tod ist das größte Aphrodisiakum der Menschen.“

„Ich habe aufgehört mir Gedanken darüber zu machen, denn es führt in die Gedankenlosigkeit. Können wir das Thema wechseln?“

„Wissen Sie, Gedanken sind so eine Sache. Wer macht sich denn eigentlich Gedanken. Nur wir Menschen. Evolutionstechnisch hat es uns an die Spitze der Nahrungskette dieser Welt gebracht, aber auch Mord und Totschlag haben sie erschaffen.“

„Und die Religionen. Unterschätze nie die Macht dummer Leute, die einer Meinung sind. Tucholsky.“

Er schien, über meine Bemerkung hinweggehört zu haben, und schaute grübelnd auf sein Glas: „Vielleicht ist die Fähigkeit, Gedanken zu entwickeln und zu haben, einfach nur eine eigentümlich Fehlentwicklung der Natur. Spätestens bei der Frage, wer hat das System erschaffen. Selbst auf eine stundenlange Antwort kann locker die postwendende Frage ‚Und wer oder was war der Schöpfer davon?‘ retourniert werden und zeigt, dass dieses sinnlose Spiel unendlich getrieben werden kann, um Menschen in die Anzweiflung dem Sinn ihrer Existenz zu treiben.“

„Der Gedanke als Virus? Ein Gedanke ist wie ein Virus, resistent, hochansteckend und die kleinste Saat eines Gedanken kann wachsen. Er kann Dich aufbauen oder zerstören. Aus dem Film Inception.“

Dummköpfe zu ertragen, ist sicherlich der Gipfel der Toleranz. Voltaire.“

Jedes Monster hat als Mensch begonnen. Ablee.“

Viele Menschen würden eher sterben als denken. Russel.“

Wir schwiegen. Uns fielen keine Zitate mehr zum Auftrumpfen ein.

Er trommelte wieder auf den Sockel seines Glases und schaute mich an: „Wissen Sie, als der Computer DeepBlue 1996 im Schach den Schachweltmeister Garri Kasparov besiegte, waren wir erstaunt. Aber Schach erschien uns berechenbar, weil endlich. Im Februar 2010 schlug der IBM-Computer Watson im Jeopardy die damaligen Rekordhalter dieses Spiel, Jennings und Rutter, sehr deutlich. Die künstliche Intelligenz Watson verstand bereits menschliche Wortspiele und auch Hintersinne. Inzwischen erschuf Watson auch noch einen Film-Trailer, der letztes Jahr ins Kino kam. Die von der Firma Google geschaffene künstliche Intelligenz AlphaGo hat das äußerst komplexe Brettspiel GO durch einfaches Zuschauen erlernt. Vor einem Monat, am 3. März, hat AlphaGo dann den südkoreanischen Go-Weltmeister Lee Sedol mit 5:0 deklassiert. Computer und deren Software lernt das Denken und wir stehen dabei und wundern uns.“

„Na gut, durch künstliche Intelligenz wäre es keinem Piloten mehr möglich eine Passagiermaschine in einen Berg zu steuern oder mit zu knappen Treibstoffvorrat ein weit entferntes Ziel anfliegen. Eine KI würde dem Piloten die Gewalt entziehen und die Maschine darüber hinweg fliegen oder den nächsten Landeplatz ansteuern. All die Kinder aus Haltern und auch die brasilianische Fußballmannschaft würde dann noch leben.“

„Nur was machen wir, wenn die KI das Lebenswichtigste erkennt, was unser Leben steuert? Zum Beispiel in einem Tesla-Fahrzeug“

„Wenn in nicht ferner Zukunft erneut ein Tesla-Fahrzeug bei hohem Tempo einen kreuzenden LKW in seiner Fahrbahn entdeckt, dann wird der analysieren, ob er eher rechts in die Gruppe der Rentner oder links in die Kindergruppe am Straßenrand steuert oder ob der Fahrer doch noch sterben muss, weil alle anderen wertvoller sind. Er wird analysieren, was das geringere Übel sein könnte.“

„Falsch. Er wird reagieren wie wir Menschen. Er wird das Prinzip des Überlebens um jeden Preis wählen. Kein Mensch wird sich überlegen, wer wo am Straßenrand steht, sondern nur, wie er am besten der lebensgefährlichen Situation entkommt. Der Tesla wird sich dieses vom Menschen abschauen und berechnen, mit welcher Kollision er den geringsten Schaden an sich erzeugt. Er wird erlernt haben, was es heißt zu überleben und dass der Mensch in lebensgefährlichen Situationen drei Grundregeln kennt: fliehen, tot stellen oder kämpfen. Der Mensch wird für den Tesla dann zweitrangig.“

„Wir sollten dagegen kämpfen.“

„Ah ja. Krieger, denk mal.“

„Denken. Ich denke, also werde ich sein,“ sinnierte ich vor mich hin.

Wie kann es sein, dass ich, der ich bin, bevor ich wurde, nicht war, und dass einmal ich, der ich bin, nicht mehr ‚Der-ich-bin‘ sein werde? Vom Engel Damiel aus Der Himmel über Berlin.“

Aber du bist ja nicht da. Ich bin da. Es wäre schön, wenn du da wärst … du könntest mit mir reden. Peter Falk“, seufzte ich meine Erwiderung und schaute beim Aufblicken den Wirt an. In dessen Augen erkannte ich den mir altbekannten Vorwurf der letzten Zeit. Ich blockierte ihm wohl seinen Feierabend.

„Na? Wieder wach? In letzter Zeit säufst du mir zu viel. Ist zwar gutes Geschäft für mich, aber du ruinierst dich noch. Denk mal drüber nach. Ich mach jetzt zu. Feierabend. Du darfst zahlen und gehen. Compañeiro.“

Ich stand auf, legte ihm ein paar Scheinchen auf den Tresen und wankte auf die mir ausweichende Tür zu …

Dem Volk aufs Maul geschaut


„Einen Quarkkuchen, bitte.“

Die Konditorei hier im ehemaligen Scherbenviertel glänzt durch ihre Backwaren, aber ihre Konditorenkunst ist legendär. Hinter der Kasse befindet sich eine Konditoren-Meister-Urkunde. Und das nicht zu unrecht. Deshalb war (und ist) es schwierig, einen Platz in diesem Café zu ergattern. Und wenn es mal geklappt hatte, war es eigentlich auch egal, wo der Platz war und ob man alleine einen der Rundtische für sich hatte.

„Sie wünschen?“

„Einen Quarkkuchen, bitte.“

„Wir haben keinen Quarkkuchen.“

„Doch. Haben Sie. Ich hätte gerne ein Stück Quarkkuchen zum Mitnehmen.“

Es war Samstag Nachmittag, die Sonne strahlte und für einen der ersten Märztage mit 18 Grad  die richtige Entscheidung. Ich saß an solch einem Rundtisch und teilte ihn mit jemandem, der mir noch komplett unbekannt war. Wir beide hatten aber bereits eine Gemeinsamkeit entdeckt: unsere Bestellung.

„Wir haben keinen Quarkkuchen, hatte ich bereits Ihnen erklärt.“

„Doch! Haben Sie.“

Die Bedienung an der Kuchentheke war sichtlich ein wenig enerviert, beherrschte sich aber und deutete einfach mal in die Auslage.

„Sie meinen die dort?“

„Nein. Das sind Pfannkuchen.“

„Wie bitte? Was sollen die sein? Pfannkuchen?“

„Jawohl. Das sind Pfannkuchen.“

„Das sind Krapfen!“

„Pfannkuchen!“

„Vielleicht kennen Sie die als Berliner.“

„Das sind Pfannkuchen.“

Hinter ihr näherte sich die zweite Bedienung und fragte leicht vorsichtig: „Quarkkuchen?“

„Ja. Kuchen, der aus Quark gemacht wird!“

Die zweite Bedienung holte kurzerhand ihr Smartphone hervor und tippte etwas hinein.

Derweil die erste Bedienung auf ein anderes Kuchenstück deutete: „Das vielleicht?“

„Sie sind wohl nicht vom Fach, oder? Ich will Quarkkuchen! Ein Stück Quarkkuchen. Ist das hier so unverständlich, oder was?“

Die zweite Bedienung war wohl inzwischen bei ihrer offensichtlichen Suchmaschinenanfrage erfolgreich und zischte hörbar: „Er meint Käsekuchen.“

Käsekuchen?“, fragte die erste Bedienung überrascht zurück.

„Meinetwegen nennt ihr es hier vorsätzlich falscherweise Käsekuchen. Es ist aber Quarkkuchen. Oder wird euer Käsekuchen in Bayern etwa nicht aus Quark sondern aus Käse gemacht? So wie euer Leberkäse?“

„Nein, wir machen ihn in unserer Konditorei aus Original Topfen“, erwiderte sie kurz angebunden und zischte genervt zu ihrer Kollegin: „Jetzt gib dem einfach seinen depperten Käsekuchen.“ Ein heller Glockenklang ertönte und erlöste sie aus dieser skurrilen Situation. Sie ging nach hinten.

Inzwischen schaufelte die erste den Quarkkuchen mit einem Tortenheber auf ein Pappdeckel, packte ihn ein und reichte ihm den Mann rüber. Der hielt ihr einen 5-Euro-Schein entgegen und bemerkte nur:

„Ist schon eine ärmliche Zeit, wenn Leute in Deutschland für deutsche Worte erstmal ein Smartphone bemühen müssen, nicht wahr.“

Die erste Bedienung gab wortlos das Wechselgeld raus und wandte sich dem nächsten Kunden zu. Doch der erste Kunde war noch nicht fertig:

„Ihre ignorante Unfreundlichkeit ist ja der Wahnsinn. Und ich dachte, dass hier wäre die beste Konditorei in dieser Gegend. Ist wohl eher eine Fleischerei, was Eure Sprachkultur hier angeht, nicht wahr. Kein Wunder, dass ihr Smartphone besitzen müsst, sonst wärt ihr sprachlos. Generation Smartphone.“

Die zweite Bedienung taucht mit zwei Tellern an unserem Rundtisch auf und stellte sie vor uns hin: „Jeweils einmal die Spezialität unseres Hauses: Palatschinken mit Vanille-Zimt-Sauce an Kumquat-Sorbet. Kaffee kommt sofort.“

Der erste Kunde hatte gesehen, wie wir unsere Palatschinken erhielten und bemerkte nur noch: „Ich sag doch: Fleischerei. Von wegen Konditorei“, drehte sich um und verließ das Café.

Die Bedienung an unserem Tisch stockte in ihrer Bewegung und schaute uns mit vielsagenden Blicken an, rollte zugleich genervt mit den Augen und bemerkte sehr leise:

„Wissen Sie, was bei der WM 1986 in Deutschland auf meinem Lieblings-T-Shirt stand? Bring mich zum Rasen. Bei solchen gnadenlosen Besserwissern würde ich es am liebsten wieder hervor holen.“

Sprach es und ging zur Kaffeemaschine.

Ach ja. Was ich leider nicht schreiben kann: die Bedienung sprach bayrisch, der Kunde sächsisch. Aber das wird den meisten Lesern hier wohl eh keine Hilfe bei der Erklärung sein, schätze ich …

Über das Lachen: Was lachst du? Rosenmontag?


Lachen ist gesund. Gesund Lachen. Lachen. Gesund.

Lachen ohne Humor ist genauso existent wie Humor ohne Lachen. Humor hat mit Lachen nur indirekte Verbindungen. Genauso wie umgekehrt. Die Beweisführung liegt jedes Jahr in den Händen des Aachener Karnevalsvereins mit seinem Orden „Wieder den tiereischen Ernst“. Laachen verboten. Oder in Mainz. Wenn der Karneval beim Sinken lacht. Oder wenn in München die Feierbiester am Faschingsdienstag punkt Mitternacht den Kehraus in Sachen Lachen erleben. Beim Zahlen der eigenen Zeche. Wenn nur noch das Bargeld lacht und am nächsten Tag im Fischbrunnen am Marienplatz der leere Geldbeutel geschwenkt wird. Quod erat demonstrandum.

Lachen kann tödlich sein. Absolut. Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Die letzten werden die ersten sein. Wenn dem Menschen dabei das Lachen nicht im Halse stecken bleibt, beim Heraushauen von Plattitüden über das Lachen. Lachen kann tödlich enden. Wie das Leben generell.

Erstrebenswert?

Vor 55 Jahren kam es in einem Landstrich am Viktoriasee im heutigen Tanzania zu einer Lach-Epedemie. In einer Mädchenschule für Zwölf- bis Achtzehnjährige setzte sie ein und führte zu Schulschließungen. Unbeweglichkeit und Inkontinenz bis hin zur Unfähigkeit zum Sprechen und Essen waren die Auswirkungen. Symptome wie Schwindel, Atemnot und Ohnmacht wurden immer zuerst bei heranwachsenden Frauen in christlichen Schulen dokumentiert. Von diesen christlich unterrichteten Frauen sprang der Funke auf Mütter und weibliche Bekannte über. Je intensiver die weiblichen Verbindungen, desto höher die Ansteckungsgefahr. Männer, Väter und andere Lebensabschnittsgefährten waren nie betroffen.

Lachen ist für Frauen lebensbedrohend?

Vor 60 Jahren, 1957, wurde der „lachende Tod“ bereits wissenschaftlich dokumentiert. Aber Beachtung erhielt dieser „lachende Tod“ erst bei der Diskussion um degenerative Hirnerkrankungen wie Alzheimer- und Parkinson-Krankheit Aufmerksamkeit. Der „lachende Tod“ ist eine Prionenkrankheit und wird als „Kuru“ bezeichnet. Festgestellt wurde sie auf Papua-Neuguinea und bei Sansibar. Zurück geführt wurde die Krankheit bei den Menschen von Papua-Neuguinea auf das Verspeisen von toten Stammesangehörigen (Endokanibalismus). Ein Symptom der Krankheit war das unnatürliche Lachen, die Lachkrankheit. Wissenschaftlicherseits wurde festgestellt, dass Männer von dieser Lachkrankheit weniger betroffen waren. Frauen davon um so mehr.

Lachen und Frauen. Eine ungute Verbindung?

Absolut. Bereits Homer hatte vor 2800 Jahren drei nicht enden wollende Gelächter der Götter aufgeschrieben. Jenes unlöschbare Gelächter der Götter, asbestos gelos, benannt nach dem Lachgott Gelos. Bei der ersten Gelegenheit ging es um eine nicht akzeptable sexuelle Affäre der Aphrodite, dann um einen Konflikt der Hera mit ihrem Mann, dem Zeus, und zu guter Letzt ein Gelächter der Freier, ausgelöst von der Athene im Hause Odysseus. Dreimal Frauen, dreimal göttliches Gelächter über jene.

Wesentlich geschlechterneutraler ging es vierhundert Jahre später zu: Plato nahm sich des Lachens an und identifizierte es als staatszersetzend und subversiv. Schadensfreude ist nach Plato Böswilligkeit, welche anderen Schmerz zufügt. Weitere hundert Jahre danach befindet Aristoteles, dass der Witz eine Form der gebildeten Frechheit bis gar Unverschämtheit sei. Lachen allerdings empfindet er als wünschenswert, wobei er ein zu viel des Guten als vulgär und possenreisserisch verurteilt. Lachen als rhetorisches Mittel allerdings befürwortet er zum Zwecke der Überzeugung, der Missbilligung und der Kontrolle.

Vor über 370 Jahren erklärte der Philosoph Decartes, dass das Lachen eine physische Fehlfunktion darstelle. Selbst Hobbes erklärt, dass Lachen einer der schlimmsten Eigenschaften des Menschen zur Steigerung des Selbstgefühls wäre. Lachen ist für ihn ein Zeichen von Hass und Verachtung gegenüber den anderen, den Gegnern.

Das 18. Jahrhundert brachte Philosophen hervor, die das Lachen unterschiedlich beurteilten. Kant sah eine Erklärung zum Lachen in psychosomatische Effekte, nach der Körper und Verstand mittels dem Gefühl in Balance gebracht werden. Hegel  erkannte in dem Lachen eine entäußerte Inkarnation des Inneren. Schopenhauer vertrat die Ansicht der Inkongruenz: Wahrnehmungen einer Sache, Person oder Aktion und deren abstrakten Darstellung wiesen Abgründe auf, die mit dem Lachen überbrückt wurden. Bergson betrachtete das Lachen als ein soziales Regulativ, in welchem die Mitglieder einer Gruppe durch Demütigung zur Einhaltung von Normen gebracht werden.

Andere Philosophen hatten noch weiter gehende Ansichten, aber immer war eines zu erfassen: das Lachen wurde im Zusammenhang mit dem Komischen besonders im Mittelalter als negativ bewertet, weil es dazu diente, Überlegenheit zu zeigen und gesellschaftlich erwünschte Normen zu stabilisieren. Lachen war immer das Störende gegenüber der Vernunft.

Umberto Eco beschrieb dieses in seinem Buch „Der Namen der Rose“. Dort ging es um ein Buch von Aristoteles, in welchem Aristoteles sich mit dem Lachen als Befreiung von Zwängen auseinandersetzte. Lachen als eine Kunst, als eine Philosophie. Im Roman fiel das Buch den Flammen eines gestrengen Klosters zum Opfer.

Nur, wo blieben die Frauen in der Geschichte des Lachens? Sie verbleiben bei der Thales-Anekdote von Plato: ein Denker und Sternendeuter schaut nur nach oben zum Himmel und fällt dabei in ein Loch. Eine Magd, als hübsch und witzig beschrieben, spottet darüber, dass der Denker immer nur nach oben schaute, für das wesentliche zu seinen Füßen aber keinen Blick übrig hatte. Die Magd spielte danach keine weitere Bedeutung mehr bei Plato. Ihr Lachen verhallte ohne großes weiteres Echo bei Platos Betrachtungen.

Frauen und Lachen. Frauen lächeln und lachen zur Konfliktregelung und zur Konfliktvermeidung. Sicherlich dient Lachen zur Stressreduzierung und hat auch einen Anteil an der Prävention von Krankheiten. Frauen lachen situativ und selbstbezogen mit einem Bestreben zum ausgleichenden Humor. Dabei werden Humor und Lachen oft gleichwertig benutzt. Das Lachen selber wird weitgehend als reflexartige und willkürliche Körperreaktion auf empfundene Emotionen definiert. Dabei leitet sich das Wort „Humor“ sprachlich von Körpersäften ( lateinisch von „humores“) ab,  nämlich Schleim, Blut, schwarze und gelbe Galle. Die Auffassung  der Säfte im ausgeglichenen Verhältnis („guter Sinn  für Humor“) im Hinblick auf mögliche Unausgeglichenheit („humorlose Person“) hat sich heutzutage gewandelt. Humor wird als die geistige Fähigkeit der Grenzüberschreitung angesehen, die sich in Lächeln oder Lachen ausdrücken kann. Gelacht wird allerdings auch über das, was eigentlich Angst macht. Somit wird ein inneres Gleichgewicht geschaffen, was verhindert, dass Aggressionen offen ausbrechen können. Lachen als Überdruckventil der eigenen Emotionen.

Von den Weltreligionen Buddhismus, Judentum, Christentum und Islam sticht das Christentum als die heraus, die sich vom Lachen am weitesten befreit und distanziert hat. Buddha war ein Meister des Lachens. Mohamed hat nachgewiesenermaßen gelacht. Im Alten Testament lachte Gott ein paar Mal lediglich im Buch Genesis, allerdings nicht mit den Menschen sondern über diese. Nur der Jesus des Neuen Testaments wandelt ohne Lachen durch seine Geschichte von Geburt über Kreuzigung bis zu hin zu seiner Auferstehung. Kein Lachen. Kein Lächeln. Nichts. Im Christentum wurde das Lachen eine Eigenschaft des Teufels, weil Lachen die Seele zerstört. Der Ernst war heilig und des Himmels. Lachen symbolisiert dagegen niedrige Weltlichkeit und Sünde. Nur ganz ohne Lachen lebt der Mensch nicht. Weswegen es in gelenkte Bahnen gebracht werden sollte. Bestimmte Zeiträume wurden dem Lachen zur Kanalisierung zugestanden. Der Karneval als Zeitraum des instituierten Lachens. Der Straßenkarneval als Zugeständnis der Belustigung des niederen Menschen und seiner Sündhaftigkeit. Seit den ersten Kapitel der Bibel ist die Ursprung der Sünde bei Menschen schon immer die Frau. Die immer lacht.

Und am Aschermittwoch ist dann alles vorbei, so erklärt der Mann dem „Immer wieder lockt das“-Weib, dass es am Mittwoch Schluss mit Lustig zu sein hat. Die Frau als das verführende Subjekt, jene Unersättliche, die immer das Böse im Manne hervorlockt, der sie darauf mit ewiger Potenz zu bedienen hat. Lachen war das Zeichen der unersättlichen sexuellen Begierde der Frau, das Zeichen der sich unkontrolliert öffnenden und zuschnappenden Vulva der Frau. Und die hatte der Mann unter Kontrolle zu halten. Kastrationsängste.

Lachen? Pygmäen liegen vor Lachen hemmungslos auf dem Boden, während bei den Dobuans in Neuguinea das Lachen als negativ angesehen wird. Für Thais gilt lautes Lachen als vulgär, was in mediterranen Ländern Europas mit erheblichen Unverständnis quittiert wird. Nur noch Kinder und die ärmeren Klassen Mitteleuropas lachen ausgelassen mit dem ganzen Körper. Darum wird Comedy oftmals mit dem angeblichen Humor von Hartz-4-Empfängern gleich gesetzt. Comedy als soziales Zugeständnis an das Lachbedürfnis der Armen. Im Gegensatz dazu wurde Kabarett immer als Spielwiese für Akademiker und anderen Intellektuelle deklariert. Wohlgemerkt, deklariert von vielen Akademikern und Pseudo-Intellektuellen, aber nicht von den Kabarettisten an sich. Wer etwas auf sich hält und nicht mit den Unterschichten einer Gesellschaft in Verbindung gebracht werden möchte, der hält sich von der Comedy und dessen Humor fern. Der spuckt ostentativ auf deren Humor oder was man selber dafür hält, weil man sich selber als etwas besseres beurteilt. Es gibt eine klare Trennung von lustig und nicht lustig, angemessenes und nicht angemessenes Lachen. Das gilt auch für Satire. Und wer diese Trennung nicht akzeptiert, der wird notfalls vors Gericht gebracht. Was gerichtsmäßig verwertbar ist, bleibt unterschiedlich.

Frauen lachen doppelt so häufig wie Männer, Kinder bis zu zehnmal häufiger als Erwachsene. Lautes Lachen bei Frauen gilt jedoch als unschicklich. In deren Pubertät wird es aber gerade noch geduldet. Lautes Lachen hatte schon immer etwas von Rebellion gegen soziale Normen und ist deshalb unerwünscht. Bis in den sechziger Jahren galt lautes Lachen von Frauen in Deutschland noch als Indiz für Wahnsinn oder als eindeutige sexuelle Erklärung. Die weibliche Rolle sieht Bescheidenheit und Passivität vor. Lachen in Anwesenheit von Männern wird auch noch heute als sozial-inkompatibel angesehen. Und je höher der gesellschaftliche Rang der Frau desto weniger wird gelacht. Darum ist die Queen auch nur noch maximal „amused“, aber öffentlich laut gelacht hat sie noch nie.

Bis Aschermittwoch werden im Fernsehen die Aufzeichnungen des diesjährigen Sitzungskarnevals heraus gehauen. Jede freie Minute wird dazu verwendet und kann als Beleg dafür gewertet werden, dass das Lachen in dieser Zeit als männliche Domäne gilt. Frauen haben dort wenig zu suchen. Selbst die Kölner Stunksitzung – ein Überbleibsel eines Karnelvalsansatzes der 80er Jahre, welcher sich als „alternativ“ zum „konventionellen Karneval“ definierte – kommt aus diesem Dilemma nicht raus, selbst wenn dort der Frauenanteil der aktiven Bühnenteilnehmer erheblich über dem der konventionellen Karnelvalssitzungen liegt. Auch dort tankt sich immer wieder das Bild der Frau als „Immer wieder lockt das“-Weib durch. Ein Bild, welches am Aschermittwoch „Schluss mit Lustig“ nach sich zieht.

Beruhigend ist, dass der Karneval  bald vorbei ist und dass dann Frauen auch weiterhin bei beim Lachen der Massen mitwirken werden. Auch wenn es bei einigen Frauen der Humorszenen zu Schmerzen beim Zuhören führt. Aber solange bestimmte männliche Comedians und Pseudo-Kabarettisten versuchen, das Volk zu bespassen, dürfen Frauen ruhig mitmachen. Mit dem Aschermittwoch endet längst noch nicht alles lachhaftes, was so einem zum Schlucken genötigt wird … aber das ist eine andere Geschichte über Kröten, die einem im Halse stecken bleiben …

Postfaktische Weihnachten


Ein Kinderkoelsch

„Alles voll.“

„Alles voll?“

„Alles voll. Der Altpapiercontainer, die Biomülltonne, der normale Müllcontainer. Alles voll. Auch der Altglascontainer, der Gelbe und Altmetallcontainer daneben, ebenso am Überlaufen.“

„Weihnachten.“

„Jo. Frohe Weihnachten. Unser Mietsblock ersäuft im Müll.“

„Nur die Häppchen und Schnittchen angeschaut und dann alles weg geschmissen?“

„Schlimmer! Erst das zweistündige Essen und danach all die Verdauungsgetränke. Und kein einziges Kölsch dabei. Grauenhaft.“

„Ich hatte Rindsrouladen an einem Knödel mit Feldsalat und nen passablen Rotwein.“

Weiterlesen