Coming home for X-Mas (3)

Geliebte Geliebte,

Ich weiß nicht, ob du es wusstest, aber es gibt nichts einprägsameres und einprägenderes als Weihnachten. Zu dieser Zeit werden ganze Kindheiten geprägt, ganze Ehepartnerschaften verdengelt und die Verwandtschaft präsentiert sich von seiner hügeligsten Eigenschaft, als die bucklige. Überall in Zeitungen und Internet fanden sich diese Weihnachtszeit Ratschläge wie man das Fest der Liebe, des Friedens und der Freude am besten ohne Streitereien überlebt.

FAZ: “Wie Familien Streit unterm Weihnachtsbaum verhindern können”

Axel-Springer-Mainstream-Organ #1: ”Streit an Weihnachten: So übersteht ihre Beziehung die Festtage”

Axel-Springer-Mainstream-Organ #2: “Partnerschaft: Mit diesen Tipps vermeiden Sie Streit an Weihnachten”

Axel-Springer-Mainstream-Organ #3: “Es könne wir Frömmsten nicht in Frieden leben, wenn es Euch bösen Lesern nicht gefällt.”

RP Online: “Mönchengladbach: Tipps um Streit an Weihnachten zu vermeiden”

Süddeutsche Zeitung: “München: Tipps um Streit an Weihnachten zu vermeiden”

Bayrischer Rundfunk: “So wird Weihnachten harmonisch – Tipps von Experten”

WDR: “Weihnachten ohne Stress und Streit”

Spiegel: “Knatsch unterm Baum – Offen über die Probleme reden”

Hamburger Abendblatt: “Harmonisch Weihnachten feiern? Das rät die Psychologin”

Kirche und Leben: “Geheimtipp für Weihnachten in Rom: Ein Baby auf dem Kaptiolshügel”

Vatikan News: “Erzbischof Schick: Streit um Christmetten einstellen”

Geliebte Geliebte, es herrscht auf einmal so viel Frieden im Laden. Alle Kriege sind beendet, die Soldaten der verschiedenen Lager liegen sich heulend und schmusend in den Armen, in den Swingerclubs wird aus reiner Nächstenliebe gepoppt, vereinzelt huschen noch verquere Querdenker über weihnachtlich grüne Wiesen, die Bullen auf eben diesen beißen nicht, lächeln zärtlich widerkäuend mit großen Augen die Butterblümchen an, die Schafe muhen, Hund, Ochs und Esel blöken im Chor, eine Heerschar von Weiß-Gold gewandeten Englein flöten von Ramstein das Lied “Engel”, ein Baby grunzt in einer trockenen Einweg-Hightech-macht-mich-glücklich-Windel und irgendwo steh ich Querulant unter einer bereits entnadelten Nordmanntanne und brülle in die nächste Krippe: “Alles Frieden, oder was?” Es herrscht wieder Frieden im Land.

Ich komme aus dem letzten Adam-Driver-Gaga-Film, schaue in den Nachthimmel und erkenne … Sterne! Die Sternwolke im Sternbild des Orions. Unweit davon, brilliert die Flamme des Sirius. Ungewöhnlich. In München sieht man das Sternbild nur recht schlecht. Lichtverschmutzung. Haben die hier auf dem Lande keine Schwerindustrie und helle Straßenlaternen?

Das Zelt für den Schnelltest vor dem Supermarkt ist leidlich gefüllt. Er geht wirklich schnell vonstatten. Ins Krankenhaus darf ich nur mit entsprechenden Nachweisen. Pro Patient pro Tag nur ein Besucher für nur eine Stunde. Meine Mutter ist nicht wirklich begeistert darüber. Sie wäre lieber zu Hause statt Weihnachten im Krankenhaus

Geliebte Geliebte, draußen bläst der kalte Wind die Null-Grad-Außentemperatur durch meine Jacke. Es ist ungemütlich. Ich habe mir meine alte Schule angeschaut. Die Säulenreihe. An der sechsten hatte ich immer in der Pause gesessen und schmachtend zu dem kleinen braunhaarig gezopften Mädchen anhimmelnd rüber gestarrt. Und immer wenn sie mich anblickte, hatte ich schnell weggeblickt. Irgendwann hatte sie mich dann ignoriert und ich saß dort mit gebrochenem Herzen. Nun, heute würde mein Verhalten als eine Art “Stalking” klassifiziert werden. Als ich heute vorbeikam, war niemand an den Säulen, der Schulhof war leer und nur der Wind blies. Aber vor meinem inneren Auge wurde es Sommer und ich sah mich dort sitzen, heimlich zur vierten Säule rüber starrend und dabei ein Buch lesend. Auf dem Pausenhof tobten die anderen Kinder, spielten Fangen oder ähnliches, dazwischen der Aufsichtslehrer und ich an der Säule. Und dann spürte ich wieder den kalten Wind und das Bild löste sich vor meinem inneren Auge auf. Ihr Name fiel mir wieder ein und ich fragte mich, was sie jetzt wohl so macht, so vierzig Jahre später. Aber die Antwort interessierte mich nicht. Das Leben ist weiter fort geschritten. Wahrscheinlich ist das 40-Jahre-alte Bild dieses 14-jährigen Mädchens schöner, romantischer, besser als die Realität der Ulrike Schößler von heute. Der Blick in die Vergangenheit verklärt einiges und lässt es in einem mystisch erwärmenden Licht erstrahlen …

Geliebte Geliebte, als ich gestern bei meiner Verwandtschaft war und ich mich mit deren 18-jährigen Sohn unterhielt, habe ich gemerkt, dass ich alt geworden bin. Die geistige Beweglichkeit, die Schärfe seines Geistes, Dinge differenziert zu betrachten, es hat mich zum Schweigen und stillen Bewundern gebracht. Aber es hat mir auch ein Bild einer Familie gezeichnet, welches mir eher wie eine WG erschien statt einer Familie. Wie bei den katholischen Krippendarstellungen. Alles Einzelfiguren, die zusammengestellt werden. Von außen schaut’s aus wie eine Einheit, aber wenn es keinen mehr interessiert, werden die Figuren zu individuellen Einzelschicksalen. Streitbare Individuen.

Im Fernsehprogramm läuft der Roberto-Benignis-Film “Das Leben ist schön”. Ein schön trauriger Film. Oder doch eher traurig schön? Alternativ gab es auch die Filmreihe “Rambo” Eins bis Drei. Frohe Weihnachten. Nun ja. Ich schau mal weiter, was noch kommt.

Bis dahin, gehabt dich wohl, geliebte Geliebte.

Biss denne

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