Parkbankgeschichte: Verantwortungslos

ER sitzt auf seiner Parkbank und schaut auf seine Pulle “THE DUKE”. Bio Gin durch und durch. Und dazu noch destilliert in seinem Minga, seinem München. Da sitzt ER nun im Englischen Garten und seine Gedanken kreisen um diese “42% vol”. Das hatte ER noch nie, diese nachdenkliche Seite an sich, diese zu entdecken, diese echte Nachdenkseite.

“42%? Vol? Was heißt das? Wenn die Flasche voll ist, hat sie 42%?”

Der Banknachbar packt vorsichtig seine “Münchener Currywurst besonders spezial” aus, jenes neue In-Gericht der “Young-Kitchen-Cooking-B30s”. Sechs Euro fuffzig ohne Semmel. Er zelebriert das Auspacken in der Weise als ob der das Gemälde “Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen” von Max Ernst freilegen würde. Dabei schaut er eher wie zufällig neugierig interessiert zu IHM rüber.

ER aber meditiert nachdenklich über das Etikett seiner Flasche:

“Nullkommasieben. Hm. Mit zweiundvierzig Prozent, wenn die Buddel voll ist? Mach wie viel?”

Sein Nachbar erhebt aufmerksamkeitsheischend seine Hand. Er war schon immer gut im Kopfrechnen. Nur merkt er, dass seine Expertise in diesem Moment nicht gefragt ist. Denn ER grübelt leise vernehmlich weiter:

“Wenn ich also von den Nullkommasieben die Hälfte trinke, dann sind es nur noch einundzwanzig Prozent, weil nicht mehr voll. Und dann davon die Hälfte, dann nur noch knappe elf Prozent. Dann noch zweimal die Hälfte jeweils, dann hat es nur noch den Gehalt eines Light-Bieres. Das ist ungefährlich.”

Sein Nachbar winkte nicht mehr, sondern widmet sich leidlich konzentriert seinem Kochkunstwerk. Er stößt seine Holzgabel in eine der Weißwurstscheiben mitten in der gescheibten Curry-Weißwurst, führt die aufgespießte Scheibe zu seinem Mund, blickt dabei etwas irritiert durch seines Nachbars Worte zu eben diesen, verfehlt dabei im ersten Anlauf seinen geöffneten Mund rechts davon, korrigiert seine Handführung nach links und … . Ein leichter Windstoß umweht die Parkbank, er versucht deswegen ausgleichend seine Holzgabel elegant zu balancieren, aber die Scheibe enthüpft von der Gabel und landet auf seiner beigen YSL-Cargohose.

“Nur, wie komme ich an dieses 2,5% Gin? In der Zeitung las ich, Alkohol ist leichter als Wasser. Und er ist volatil. Also müsste es klappen, wenn ich die Flasche wie vorhin kopfüber trinke. Dann schwimmt der Alkohol oben, entfleucht in den Hohlraum darüber und der Geschmack bleibt unten. Und wenn die 42% der Nullsieben oben ist, dann kann ich ja über die Hälfte trinken, ohne dass ich Alk zu mir nehme.”

Sein Nachbar schaute entsetzt auf seine Hose. In Gedanken stellt sofort die logische Verbindung zwischen Wurstscheiben-Fall und dem irritierenden Gefasels seines Nachbarn her.

“Also”, grübelt ER weiter, “könnte ich doch dreiviertel der Flasche kopfüber trinken, der Hohlraum vergrößert sich, der Alkohol volatiert dahinein und dann habe soviel wie zwei Light-Bier-Mass in mir. Und irgendwer von den wichtigen Menschen in Bayern sagte damals doch, mit zwei Mass kann man noch fahren.”

Sagt es, öffnet die Flasche, stellt zwischen Po-Backen, Rückgrat, Hals und Flasche eine senkrechte Achse her und schluckt. Und schluckt. Und schluckt. Und verschluckt sich, behält aber einen Rest in der Flasche zurück. Den alkoholischen Rest, wie zuvor analysiert.

“So, das war jetzt die vierte Light-Gin- … Light-Gin-Pause. Ei, ein … eine geht noch”, artikuliert ER und platziert die fast leere Flasche zurück in seinen Rucksack zu den anderen Sechsen und holt die nächste Volle heraus. ER schaut sie kritisch an, öffnet sie, stellt die Achse her, setzt zuvor an, noch etwas tiefbewegendes zu sagen, kippt dabei urplötzlich nach links von der Bank, wie ein Brett, und rührt sich nicht mehr. Reglos liegt ER nun dort, neben der Bank unterhalb der Sitzfläche.

Der Banknachbar war in der Zwischenzeit wütend aufgestanden, hatte mit der Edel-Serviette versucht, seine Hose zu säubern, den Fleck aber nur vergrößert. Wutentbrannt hatte er den Rest des In-Gerichts “Münchener Currywurst besonders spezial” vor sich auf den Boden gedonnert, versuchte, dabei den Curry-Spritzern der hingeschmissenen Portion auszuweichen, sah mit wachsendem Entsetzen die Curry-Spritzer auf seinen Schuhen, kriegte mit, wie sein Nachbarn kippte, umkippte und dann regungslos liegen blieb.

Er geht zu IHM rüber und misst dessen Puls an der Halsschlagader, spürt kaum etwas, nimmt seine Finger vom Hals des Mannes und seufzt erbost:

“Typisch mal wieder. Deutschland eben! Unverantwortlich! Und wer bezahlt mir jetzt meine Reinigungskosten?”

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