Kneipengespräch: Postfaktische Ostereier


Tresen 0

“Und?”

“Genau.”

“Aber?”

“Ich habe es noch nicht verstanden.”

“Dem Manne kann geholfen werden. Herr Oberspielleiter, ein Kölsch für den Grübler an meiner Seite!”

Der Wirt blickte nur kurz auf, polierte eine Kölsch-Stange, füllte sie und schob sie neben dem anderen halbvollem Kölsch und widmete sich danach einer anderen Stange.

“Bassemauff. Da ist auf der einen Seite der US-Milliardär Robert Mercer”, er schob das volle Kölsch direkt neben dem halbvollem, “und da ist Cambridge Analytica und so”, er nahm das volle Glas, schüttete etwas in das halbvolle. Von dem nun aufschäumenden fast vollem Glas schüttete er wieder etwas in das jetzt dreiviertel Volle. Beide schüttelte er noch vorsichtig und schon schauten die Kölsch wie frisch gezapft aus, “und beide sollen die amerikanische Wahl beeinflusst haben?”

“Ja”, der andere schaute auf die beiden schäumenden Kölsch-Stangen, “die haben über Facebook die Wähler manipuliert.”

“Die sollen die amerikanische Wahl beeinflusst haben? Ich dachte, das wären die Russen. Da erzählt man mir dauernd, die Russen hätten Trump permanent in den amerikanischen Präsidentenstuhl gehievt, und jetzt wären es doch nur die Amerikaner selber gewesen? Was soll das denn sein? Demokratie?”

“Nein, nein, es waren schon die Russen, die die Wahl beeinflusst haben. Der Putin manipuliert alles.”

“Alles?”

“Al-les. Die Politik, die Fußball-WM, das Wetter. Das soll ja sogar bis in die Hochwasserstandsmeldungen der Elbe und im Oderbruch gehen.”

“Der Isar nicht?”

“Nein, die Isar ist sauber. Die brauchen wir in Bayern zum Bierbrauen. Solchen Manipulationen ist die CSU vor. Unser ultimative Bollwerk des Reinheitsgebots und gegen Manipulationen daran.”

“Vielleicht sollte man mal nachforschen, ob bei Cambridge Analytica nicht mindestens ein Russe sein Geld dort investiert hat und ob US-Milliardär Robert Mercer nicht etwa um paar Ecken russische Freunde hat. Vielleicht trinkt der ja bei Börsenschluss immer russischen Vodka mit echtem Beluga-Kaviar.”

“Komm, hör auf, drüber nachzudenken. Es waren die Russen! Das weiß doch jeder. Sogar mein Nachbar meinte, bald stehe wieder der Russe vor der Tür.”

“Mit Vodka? Vor der Tür? Serviert von US-Milliardär Robert Mercer und Cambridge Analytica? Oder mit ner Kalaschnikow als kleinen Gruß aus der russischen Manipulationsküche Putins?”

“Kalaschnikow geht ja gar nicht. Wenn, dann will ich meinen Russen mit einer AK-74 vor der Tür. Besser noch, weil aktueller, stilecht mit dem recht bekannten amerikanischen Sturmgewehr AR-15. Und während des Russen Finger sich um den Abzug krümmt, im Hintergrund eine Fanfare erklingt und eine freundliche Stimme ertönt, die da sagt: ‘Dieser böse, russische Amoklauf wurde Ihnen präsentiert mit freundlicher Unterstützung der freiheitlich-demokratisch fundierten National Rifle Association’.”

Ruhe. Beide tranken einen Schluck aus ihren Kölsch. Beim dritten Kölsch war der Schaum zusammen gefallen. Jetzt erschien es nur noch ein Drittel voll.

Ich nahm mir eines der russischen Eier, die der Wirt auf der Theke stehen hatte, und biss vorsichtig hinein. Die Remoulade eroberte sofort jeden Geschmacksnerv in meinem Mund. Zur Belohnung fiel noch etwas von dem rotem Fisch-Rogen mir auf meine weiße Hose. Wie zart doch diese Fisch-Rogen-Kügelchen ihre feinen Linien auf teurem Baumwollstoff ziehen können …

“Jetzt macht alles einen Sinn.”

“Wie?”

“Ich verlasse Facebook. Am 14. Oktober wird in Bayern gewählt. Manipulationen von Putins Russen nehme ich damit jede Chance. Ich will frei von Putins Manipulationen wählen dürfen!”

“Ach, komm. Und wie sollen wir uns dann ohne Facebook spontan auf ein Kölsch verabreden? Und was ist mit deinen ganzen Facebook-Freunden? Willste die einfach so verlassen? Du wirst einsam werden.”

“Stimmt. Hast auch wieder recht. Keine gute Idee. Also, auf unsere Facebook-Freundschaft. Prost.”

“Auf unsere Facebook-Freundschaft. Prostata.”

 

4 Gedanken zu „Kneipengespräch: Postfaktische Ostereier

  1. Was für ein Schmarrn! Das ist doch Fake-Talk. Nicht Facebook manipuliert uns – wir sind es, die jeden Tag deren Datenbank mit falschen Angaben füttern, um die Welt aus den Angeln zu heben. Damit das jetzt endlich mal klar ist. Und jetzt bitte einen Kräuter.

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    • Absolut. Fake-Talk. Da stellt eine Heerscharen von Engeln und Erzengeln eine Infrastruktur und dann kommen alle niederen Wesen dieser Atmosphäre und füllen sie mit Lug, Trug und anderen Mist, bis der Mist zum Himmel schreit, wie ein Kleinkind, welches von der Hebamme gerade ans Licht gezerrt wurde. Und wer schreit, lockt Mistkäfer an, die freilich auch ihre Scheibe Scheiße zum Bahnhof rollen wollen, um damit auf große Reise zu gehen. Schuld sind immer wir anderen, das steht fest wie das Amen im Immerather Dom, der unvergessen sein sollte.
      Noch ein russisches Ei zum Frühstück, Rupi?

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