Nichts als die Wahrheit. Nichts als die brutale Wahrheit …


Ich spürte, deinen zielgerichteten Griff ihrer Hand auf meiner Hose und hörte ihr leises Lachen. Warum hatte ich nicht reagiert, als sie sich vor mir auf dem Schreibtisch sitzend geöffnet hatte?

Ich hatte nur genervt gesagt: „Jetzt nicht.“

Und sie hatte nur leicht verärgert geantwortet: „Wie, nicht jetzt?“

Sie war von meinem Schreibtisch runtergerutscht, trat hinter mir. Ich wollte noch einen Satz in meinen Rechner tippen, als ich spürte, wie sie etwas um meinen Brustkorb legte und mich damit darauf in die Rückenlehne meines Sessels zwang. Ich schaute verwirrt an mir runter und erkannte eine Strumpfhose.

Noch bevor ich etwas sagen konnte, verlor ich meine Fähigkeit zu sehen. Sie legte mir ein Tuch über meine Augen, eine Augenbinde. Ich reagierte nicht, ich ließ es mit mir geschehen. Ich spürte, wie sie es hinter meinen Kopf festgeknotete. Es war fest, aber es schnitt keineswegs und ich sah, dass ich nichts mehr sah. Nicht einmal nach unten war eine Lücke frei. Meine Spannung stieg, ich ließ sie machen. Ihre Hände ergriffen meine Handgelenke und zogen sie hinter dem Sessel. Mein Rücken wurde jetzt noch stärker gegen die Rückenlehne gepresst, wurde zum Spannungsausgleich aufgerichtet, um meine Armmuskeln zu entlasten, gleichzeitig spürte ich, wie sie mit einem Stoff meine Handgelenke hinter dem Sessel fixierte.

So überraschend wie diese Aktion begann, endete sie. Ich war gefesselt in meinem eigenen Sessel und wartete blind auf das, was kommen sollte. Ich lenkte meine Aufmerksamkeit auf mein Gehör, wollte wissen, was sie als nächstes machen würde, lauschte auf jedes Geräusch um mich herum. Sie zog meinen Sessel ein Stück zurück und ich hörte, wie sie sich kommentarlos wieder auf den Schreibtisch setzte.

Sie zog mich wieder zu sich ran und ich spürte, wie sie ihr Gesicht neben das meine brachte. Ihre Haare strichen mir sanft durchs Gesicht, als sie leise erneut mir ins Ohr flüsterte: „Wie, jetzt nicht?“

In dem Moment spürte ich, wie ihre Hand zu meiner Hose griff, den Gürtel aufzog, sie aufknöpfte, die Hose mit einer Hand einfach runterschob und gleichzeitig mein Hemd mit der anderen hochschob, wie sie sich das Ziel ihrer Begierde suchte. Kompromisslos legten ihre Hände mich frei.

„Jetzt nicht?“

Ich antwortete nicht, meine Erregung stieg, ich konnte mich nicht wehren. Kurz danach ließ mich eine ihrer Hände los. Irgendetwas schien sie in ihrer Handtasche zu suchen, denn ich vernahm die Geräusche einer Handtasche und darauf ein Klacken wie beim Öffnen des Verschlusses einer Tube. Kurz darauf spürte ich eine Flüssigkeit auf meinem Körper. Ein zusätzlicher Eindruck von Wärme umgab mich und verstärkte mein Fühlen und meine Hitze. Ich spürte ihrer beiden Hände sich mit meinem Körper beschäftigen und massieren.

Wie unter Stromstößen richtete sich mein Körper auf, wenn sie mich an empfindsamen Punkten berührte, und er schien sich dabei meiner Kontrolle komplett zu entziehen. Zugleich trieben sie mich tiefer in meinen Sessel, meine hinter mir fixierten Arme verkrampften in ihrer Position und zwangen meinen Körper stärker in eine unnatürlich aufrechte Position. Ich hörte inzwischen fast nichts mehr, ich war von ihren Berührungen eingefangen, komplett gefangen. Von der Umwelt um mich herum vollständig isoliert. Alle Energien schienen in meinem Körper zusammenzulaufen, sich dort zu bündeln und zu verstärken. Wie Luft in einem kleinen Ballon gepumpt wird, der sich nicht ausreichend ausdehnen kann, welche sich immer mehr verstärkt und ein Ausgang sucht. Mein Atem ging stoßweise und ich verlor jegliches Gefühl für Raum und Zeit um mich herum. Mein Körper schien diesen Moment konservieren zu wollen, zugleich aber verlangte er unerbittlich nach Befreiung aus dem Zustand, nach Entspannung. Aber trotzdem nach Einfrieren dieses Momentes für die Ewigkeit.

Und wieder spürte ich dein Gesicht neben dem meinen, deine Haare strichen mir durchs Gesicht. Entspannung machte sich in mir breit, meine verkrampften Muskeln lösten sich und ich atmete durch. In ihrer Stimme vernahm ich leisen Spott, als sie erneut flüsterte:

„Jetzt immer noch nicht?“

Ich verstand nicht. Doch bevor ich nachfragen konnte, spürte ich, wie du sie sich auf mir setzte. Ich spürte ihren Atem an meinem Gesicht, leicht, heiß und fordernd. Eine erotisierende Mischung umgab mich erneut. Gleich darauf schmeckte ich sie auch schon auf meinen Lippen, ihre Lippen auf den meinen. Ein Wohlgefühl machte sich in mir breit. Für einen Moment gaben sie meine Lippen frei und ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen.

„Du findest das lustig? Jetzt?“, hauchte ihre Stimme.

Ich spürte, wie sie ihr Gewicht verlagerte. Offenbar lehnte sie sich zurück, eine Hand stützte sich auf meinen rechten Oberschenkel ab. Sie lehnte sich wieder nach vorne, der Druck ihrer Hand auf meinen Oberschenkel verschwand und ich spürte wie jene Hand nun mein Gesicht ergriff. Ihr Gesicht war wieder meinem ganz nah, ihre Lippen berührten die meinen, öffneten sich und küssten mich fordernd. Dein Körper presste sich an den meinen und dein Atem ging stoßweise. Etwas später fuhren ihre Hände an meinem Gesicht entlang und schoben die Augenbinde hoch. Aber meine Augen hielt ich geschlossen. Ich wollte die abklingende Erregung auskosten und zu Ende spüren. Dieses wohlige Gefühl, dass sich erneut in mir Raum verschaffte und um sich griff. Entspannung. Ihr Kuss beendete die Situation ihre deine Lippen zogen sich zurück. Ich öffnete meine Augen, blinzelte und ich sah ihr Gesicht entspannt über mir und sie sagte nur einen Satz mit dem Hauch des Spottes:

„Also, wie jetzt? Jetzt nicht?“ …

 

Die Geschichte ist so allerdings nur ein Traum, sie ist freilich erstunken und erlogen. Denn in Wahrheit entwickelte sich alles auf einer anderen Weise …:

Offenbar lehnte sie sich zurück, eine Hand stützte sich auf meinen rechten Oberschenkel ab. Sie lehnte sich wieder nach vorne und verlagerte ihr Gewicht wieder auf mich, der Druck ihrer Hand auf meinen Oberschenkel verschwand. Zuerst spürte ich es unter mir. Es war eine Art Kribbeln. Erst leicht, dann immer stärker. Eine Ahnung stieg in von meinem Bauch aus auf und materialisierte sich als Horrorbild vor meinen verbundenen Augen:

„Vorsicht! Ich glaube der Sessel hält das nicht aus!“, stieß ich etwas atemlos hervor.

„Halt die Klappe und versuche positiv zu denken, Idiot! Genieße und stell dein Hirn ab!“, erwidertest sie ebenfalls stoßweise atmend.

Ihre Hand klammerte sich an mein Kinn, ihre stützende Hand grub sich in meinen Oberschenkelmuskel und mich durchrannte ein lustvoller Schmerz.
Und da war es wieder, dieses Kribbeln unter mir. Es setzte diesmal unvermittelt ein, wurde stärker, sehr stark und dann zerriss ein Knall die Stille …


„Wie geht es Ihnen?“
„Es geht schon wieder. Lediglich mein linkes Bein scheint steif zu bleiben. Für immer.“
„Ja, sie sind auch sehr unglücklich gestürzt. Was macht der Kopf?“
„Bei Wetterumschwung schmerzt er. Meinen Sie, die meine Berufsunfähigkeitsversicherung wird zahlen?“
„Machen Sie sich keine Hoffnung. Versicherungen zahlen für so etwas nicht. Und erst recht nicht dann, wenn der Unfall so passierte, wie er ablief.“
Ich sah auf den Boden. Ich verstand. Versicherungen sind immer eine hübsche Sache, aber wenn es ans Zahlen geht, dann ist der Spaß vorbei.
„Ich habe ihre Akte nochmals studiert. ich glaube nicht, dass sie Chancen vor dem Arbeitsgericht haben werden.“
„Aber der Sessel war doch von der Firma. Der war nicht passend für mich. Der war nur für 90-Kilo-Personen ausgelegt.“
„Am Tage ihres Unfalls – wenn ich ihn mal so nennen darf – wogen Sie 97,6 Kilo. Und der Sessel hatte eine Werkstoleranz von 10 Prozent. Entsprechend den gesetzlichen Vorgaben. Das heißt, obwohl 90 Kilo angegeben war, hätte er bis 99 Kilo standgehalten. Aber bekanntlich wurde er ja mit mehr als 100 Kilo belastest. Und dann auch nicht nur statisch, sondern auch noch dynamisch. Wie geht’s übrigens ihrer Bekannten?“
Ich schluckte: „Ihr geht es besser. Die Narbe im Gesicht ist verheilt. Sie wissen, sie stürzte ja auf die Kiste am Boden, auf der Kiste mit Stahlproben.“
„Ja, ich weiß. Auch in dieser Causa kann ich Ihnen bei der Klage Bangiczk gegen Sie, Herr Esser, nicht viel Hoffnung machen. Der Boden um Ihren Schreibtisch herum ist laut Betriebsordnung Ihrer ehemaligen Firma kein Lagerplatz. Insbesondere nicht für Stahlproben, die auch noch scharfe Kanten aufwiesen. Hätten Sie die Kiste ordnungsgemäß verräumt gehabt, Frau Bangiczk hätte weder die Narbe im Gesicht, noch hätte sie Kontakt mit dem Teil gehabt, dessen Spitze Frau Bangiczk ihr rechtes Augenlicht raubte.“
„Aber das war nie meine Absicht!“
„Das hilft nicht. Stellen Sie sich drauf ein, dass das Gericht Frau Bangiczk Schmerzensgeldanspruch in voller Höhe stattgeben wird. Wenn es normal verläuft. Wenn Sie Pech haben, wird die Summe vom Gericht noch nach oben hin korrigiert, weil sie grob fahrlässig gehandelt haben.“
Indigniert starrte ich weiterhin auf den Holzboden vom Büro meines Anwalts. Dem Blick meines Anwalts konnte ich nicht Stand halten, er war zu durchdringend. Zumindest der edle Holzboden gab mir ein wenig Trost, aber nur kurz.
„Und gegen die fristlose Kündigung durch Ihren Arbeitgeber haben wir auch keine Handhabe. Sie haben grob gegen die Interessen und Loyalitätsverpflichtung Ihres Arbeitgebers verstoßen. Die Kündigung ist wasserdicht. Ebenfalls damit auch die Ablehnung der Berufsgenossenschaft auf Arbeitsunfallzahlung. Der Stuhl war ordnungsgemäß. Dass er gebrochen ist und sich das Federwerk in ihr rechtes Bein gebohrt hatte und auch das erlittene Koma mit der starken Gehirnerschütterung und der Nackenwirbelverrenkung sind Folgen Ihres spontanen Schäferstündchens. Sie können von Glück sagen, dass Sie beim Aufschlagen ihres Nackens auf der Tischkante keine weiteren Schäden erlitten haben. Sie könnten jetzt im Rollstuhl sitzen.“
„Ich weiß“, antwortete ich fast tonlos.
„Aber eine Hoffnung gibt es noch. Die Anzeige wegen ‚Erregung öffentlichen Ärgernisses‘ scheint mir nicht schlüssig, auch wenn Frau Bangiczk auf ihren Schoß saß und den Beischlaf ausübte. Bekanntlich hatte ja der Sicherheitsdienst Sie beide erst danach aufgefunden, weil der Knall des Federdämpfungselements im Sessel recht laut war.“
Der Knall war das einzige, woran ich mich noch erinnern konnte.
„Hatten Sie mit Frau Bangiczk nochmals gesprochen?“
„Ja, einmal. Sie warf mir vor, für den Bruch des Sessels verantwortlich gewesen zu sein, weil ich es vorher gedacht und ausgesprochen hatte. Sie meinte, dadurch hätte ich die grausame Realität erst geschaffen, die wir beide erlitten haben. Hätte ich es nicht gedacht, wäre nichts passiert“
„Ja, ich verstehe. Sie meint es wohl so, wie wenn jemand über einen schmalen, langen Holzsteg ohne Handlauf über einen tiefen Abgrund läuft, sich auf halben Weg darüber klar wird, was er da tut. Hätte er nicht daran gedacht, wäre er der erste Mensch gewesen, der die Schlucht überwunden hätte, so aber wurde er der Hundertsiebte, der tot neben den anderen Hundertsechsen im Schlundgrund gefunden wurde.“
Ich schaute ihn leicht genervt an. Eine solche Belehrung benötigte ich nicht. Nicht von ihm. Vor allem, weil ich das Ganze ein wenig anders sah. Denn mein Bauchgefühl sagte mir …
„Schauen Sie, Sie sollten froh sein. Sie werden zwar lebenslang für das zerstörte Auge der Frau Bangiczk und deren Nachwirkungen zahlen, die Schmerzensgeldzahlungen treiben Sie in fünf Jahren in die Privatinsolvenz, Sie sind arbeitslos und gekündigt. Und so kurz vor den 50ern haben Sie auch schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt, Sie können nicht mehr laufen und hinken und haben noch diverse Rechnungen dazu, aber Sie leben! Sie sitzen nicht im Rollstuhl und müssen in ein Urinal pinkeln! Ist das nichts?“ Er machte eine kleine Kunstpause und fuhr dann fort: „Ich meine als Preis für ein bisschen Bürosex, okay. Es hätte besser laufen können. So wie bei Bill und Monica im Oval Office, nicht wahr. Beklagen sie sich also mal nicht. Und ich hoffe doch sehr, dass Sie meine Anwaltskosten zahlen werden. Sie versauter Sex-Maniac.“ Er lachte dreckig auf: „Sie sind ein erbärmlich elender Büroficker, Sie.” Seine Lache wurde dreckiger. Sehr dreckig. Zu dreckig.

Das letzte hätte er nicht sagen sollen. Eigentlich hatte ich das Ganze mit Frau Bangiczk erfolgreich verdrängt gehabt. Aber diese Provokationen legten meine Erinnerungen an sie frei und riefen mir alles binnen Sekunden ins Gedächtnis zurück. Jedes Detail. Alles lief vor meinem inneren Auge ab. Der ganze geile lustvolle Sex mit Frau Bangiczk. Und dann die Erklärung vom Arzt, dass ich nie wieder Sex haben werde, dass alles für mich tot sein würde …

Wie konnte dieser elende Hurenbock mich nur so damit vorsätzlich quälen? Was dachte sich dieser Anwalt dabei? Er hatte es sich verdient, dieses Arschloch. Komplett verdient. Er wollte es nicht anders. Er verdiente den Tod, wenn er meinte, dass ich statt Freiheit und Sex lediglich Rollstuhl, Urinal und ewige Impotenz verdiente. Dieser Wixer!

Ich zog meine Waffe aus der mitgebrachten Tüte hervor, zielte kurz und feuerte sechs Mal auf seinen Kopf.

Wochen später wurde in einer Dringlichkeitssitzung ein Gesetz erlassen, dass alle Anwaltsbüros am Eingang mit Metalldetektoren ausgerüstet sein müssen.

Die Witwe des Anwalts reichte eine Privatklage gegen mich ein. Schmerzensgeld. Weil Sie ihrem toten Mann zum Abschied nicht mehr ins Gesicht blicken konnte …

Sollte sie doch ruhig. Ich hab eh nichts mehr zu verlieren …